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Expertenwissen (Petra Manahl/Hans-J. Weißbach 1999/2002)

Der Erwerb von spezifischem Wissen - verstanden als mehr oder weniger
exklusive Form der Teilhabe an bestimmten Sachverhalten - kann die
Zugehörigkeit zu einer Expertengruppe mit entsprechender Macht und
Entscheidungskompetenz in der Gesellschaft bedeuten. Expertenwissen 
("Expertise") ist Wissen, das in Organisationen nicht ubiquitär 
verfügbar ist, sondern dessenAnwendung der Entscheidung durch eine 
spezielle Gruppe bedarf. Der Einfluss der Wissensträger beruht darauf, 
dass sie immer wieder neu entscheiden und aushandeln müssen, ob ihr 
Wissen bzw. w e s s e n Wissen in einer bestimmten Situation zum Einsatz
gelangt oder nicht. Der Einsatz von Expertenwissen kann auch durch den
Auftraggeber nur bedingt gesteuert werden, da die Situations- oder
Problemdefinition, die Ausgangspunkt des Experteneinsatzes ist, immer neu
ausgehandelt werden muss. Macht sich nämlich der Experte eindeutig zum
Erfüllungsgehilfen des Auftraggebers, ist auch sein Status bedroht.

Expertenwissen ist typischerweise in Domänen und Subdomänen gegliedert, es
ist institutionalisiert (Fachzeitschriften, Kongresse usw.) und unterliegt
fortlaufend Differenzierungs- und Spaltungsprozessen. 

Ein Feld von Experten wacht über diese Domänen und reguliert den Zugang 
sowohl der Experten zum Feld als auch von Anwendern zum Wissen. Das Feld 
öffnet und schließt sich, um neue Wissensträger selektiv zuzulassen bzw. 
sich gegenüber anderen abzuschotten.

Dazu können u.a. die Verwendung von Fachsprachen (eigener "Code"), die
Vorgabe eines bestimmten Verhaltens und von kollektiven Wertvorstellungen
oder der Zugehörigkeit zu einer gewissen sozialen Schicht ("Habitus") oder
andere Zugangsbarrieren zählen. Charakteristisch ist ein ausgeprägter
Druck, sich den geltenden Werten und Wissensbeständen einer Domäne
anzupassen; andernfalls bestehen allenfalls die Optionen, sich von dieser
Domäne abzuspalten bzw. eine neue zu gründen oder seinen Expertenstatus
ganz einzubüßen. Ein Beispiel sind die permanenten Splatungsprozesse
in der Gechichte der Psychoanalyse.

In der Regel funktionieren die Mechanismen der sozialen
Kontrolle innerhalb der Domänen jedoch recht gut, da zum einen jedes
Mitglied an der Konsolidierung seiner Position interessiert ist und weil es
sich zum anderen auch um intrinsisch motivierte Menschen handelt, für die
das zur Diskussion stehende Wissen selbst und seine Weiterentwicklung im
Rahmen der Domäne sinnstiftend sind.

Innovation innerhalb der Domänen erfolgt z.T. durch Einwanderung und
Assimilation externer Ideen, z.T. durch Berührung mit anderen Domänen
an den Schnittstellen oder durch Rekrutierung neuer Mitglieder, z.T. 
aber einfach dadurch, dass wichtige Funktionsträger in der Domäne altern, 
mitsamt ihrem Wissen aussterben und somit den Weg für neue Paradigmen
frei machen. 

Innovation erfolgen in den Randbereichen von Domänen häufig schneller
als in den Kernbereichen, die zur Verkrustung neigen. Dafür ist das 
soziale Ansehen der Akteure in den Kernbereiche häufig größer als in den
Randbereichen, wo interdisziplinäre Arbeit oft als "Verrat" an der 
Domäne gilt. Die Kernbereiche neigen in der Regel zur massiven 
Abschottung gegenüber interdisziplinären Fragestellungen und Problemen.

Doch die Prozesse der sozialen Schließung von Expertenfeldern und damit
auch die tradierte Form der Elitenbildung werden auch durch das 
Konzept der Wissensgesellschaft in Frage gestellt: der Zugang zu Wissen 
ist durch seine Verbreitung mit Hilfe der IuK-Technologien immer weniger 
limitierbar. 

Es kommt zu Gewichtsverlagerungen z.B. vom wissenschaftlichem Wissen 
(z.B. Theorienwissen) hin zu außerwissenschaftlichem Datenwissen. Die 
Fähigkeit, große Datenmengen schnell zu analysieren, wird entscheidender
als etwa der Bau von Theorien. Parallel dazu verschieben sich die 
Relevanzkriterien des Wissens von internen Qualitäts- und Konsistenz-
postulaten hin zu externen Nützlichkeits-, Effizienz- usw. Gesichtspunkten.
(D.h. Daten und Informationen unterliegen durchaus nicht stets der Tendenz, 
im Sinne einer "Wissenstreppe" durch "höherwertiges" Wissen ersetzt oder 
verdrängt zu werden; es gibt stets auch eine umgekehrte Tendenz, die 
durch die technische Entwicklung noch forciert wird.)

Trotz der Aufhebung zeitlicher wie örtlicher Restriktionen des 
Wissenszugangs entstehen stets immer wieder neue Inkohärenzen der 
Wissensverteilung. Dadurch dass die Experten nicht mehr zwingend in einem 
engen sozialen System und in engem physischem Kontext agieren, sondern 
zugleich in mehreren Systemen oder Domänen agieren, kommt es oft zum 
Verlust von identitätsstiftenden Faktoren sowie von Kontrollmechnismen 
von Expertenkulturen. Immer mehr Experten kennen sich in immer kleineren
(Sub-)Domänen aus.

Eine "Qualitätskrise" des Wissens kann die Folge dieser Entwicklung
sein. Selbst die Redaktionen renommierter wissenschaftlicher Journale 
bemerken nicht immer, wenn Ihnen komplett gefakete Artikel oder gar 
Nonsenseartikel untergeschoben werden, wie Tests bewiesen haben.


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letzte Bearbeitung: 22.10.09