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Gatekeeper

Alle klassischen Organisationen und auch moderne Kommunikationsnetze verfügen über "Gatekeepers" - Türwächter an der Schnittstelle zwischen
Organisation und Umwelt - , die nach neuartigen Informationen Ausschau halten und das Eindringen und das Versenden von Informationen über die Grenzen der Organisation / des Netzwerkes hinaus bzw. die Zirkulation von Informationen in der Organisation / im Netz kontrollieren. Diese Rolle bewegt sich zwischen der des Beobachters und Anregers, der die gezielte Hineinnahme von Informationen (z.B. Datenbanken, Patente, Lizenzen) in die Organisation vorschlägt, und der des Zensors, Inquisitors etc.

Die neuen Informationstechniken, die den organisatorischen und den Kapitalaufwand für das Versenden von Informationen und auch die zentralen Kontrollmöglichkeiten der Informationsflüsse stark reduziert haben (vom Fotokopierer über die Diskette, das Modem und den Mobilfunk bis hin zum Inter- und Intranet) haben keinesfalls zum Aussterben der Aufgaben des Gatekeeping geführt. Das zeigen z.B. die heutige Diskussion um das Verbot höherer kryptographischer Verfahren in den Datennetzen oder die Entwicklung von Filtern für das Internet, zum Herausfiltern von unerwünschter junk mail.

Die Logik des Gatekeepers beruht auf der impliziten oder expliziten Annahme, dass Informationen wie eine gefährliche Droge (verwirrend, toxisch, ...) wirken können und daher zunächst einer Inspektion oder einer Genehmigung bedürfen, um hereingelassen zu werden. Die Verbreitung von immer mehr Informationen mittels neuer Technologien, mit deren Hilfe potentiell "jeder sein eigener Verleger" werden kann (McLuhan), führt paradoxerweise dazu, dass Informationen immer stärker selegiert werden, um keinen "Schaden" anzurichten. Umgekehrt wird die Beschränkung bzw. Selektion der Information ex post häufig ideologisch oder ökonomisch begründet (z.B. durch den "Wert" der Information, die drohende "Informationsüberflutung" usw.); doch entziehen sich die Auswahlkriterien oft der Begründung. In wissensbasierten Unternehmen haben Gatekeepers Schlüsselrollen inne; ihre Funktion verschmilzt jedoch mit der des Wissensmanagers.

In modernen Datennetzen verschwindet die personalisierte Gatekeeper-Rolle tedenziell, ihre Funktion wird jedoch nun von Automaten übernommen. Z.B. werden beim Internet-Shopping Informationen über Waren, die aus der Masse des Angebots herausgehoben werden sollen, automatisch - z.B. in Form von Hitlisten - generiert. Darüber erfolgt faktisch eine Selektion. Im Internetbuchhandel suchen also keine Kritiker mehr die dem Käufer vorzuschlagenden Buchtitel aus, sondern diese ergeben sich aus der Zahl der Klicks der User.

Auch die Funktion des Gatekeepers nach außen - als Beobachter der Informationen in der Umwelt, d.h. heute vor allem: der Informationsmärkte - wird immer stärker automatisiert. Sie kann durch Suchmaschinen übernommen werden.

War es die Rolle des Gatekeepers, die Komplexität der Information, die in der Organisation bzw. im Netzwerk zirkuliert, nicht überhand nehmen zu lassen und ihre Herkunft und Kompatibilität mit anderen Informationen genau zu prüfen, so tragen Filter und Suchmaschinen heute eher dazu bei, die Komplexität weiter zu steigern, d.h. sie schaffen Folgeprobleme. Zu deren Bewältigung könnten künftig intelligente Agenten eingesetzt werden, die eine bessere Auswahl, Bewertung und Kontextualisierung der Information gestatten. Jedoch bleibt das Problem bestehen, dass technische Verfahren, die zur Komplexitätsbewältigung eingeführt wurden, häufig zusätzliche Komplexität schaffen und die Einbettung der gelieferten Informationen in Kontexte eher erschweren. Zugleich können sie unerwünschte Informationsabflüsse aus der Organisation erleichtern (etwa die Produktpiraterie, wenn Maschinendokumentationen im Intranet und nicht mehr in Papierform erstellt werden).


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letzte Bearbeitung: 22.10.09