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Komplexität
Komplexität bezieht sich primär auf Komplexität von Entscheidungen und damit auf den Möglichkeits- und Beziehungsreichtum der Umwelt, die einem System zum Problem wird und es zur strukturellen Selektion von Möglichkeiten zwingt: Es können nicht immer alle Möglichkeiten zugleich aktiviert werden. (Kontingenz meint hingegen die mangelnde Erwartungssicherheit in der Kommunikation mit anderen Systemen.)
Trotz des Fehlens anerkannter Maßstäbe für Komplexität scheint die Komplexität von Problemen und ihrer Lösung heute im Vergleich zu früher stärker empfunden zu werden. Insgesamt kann man sagen, dass steigende Komplexität in Form zunehmenden Selektionszwangs in sachlicher, zeitlicher, sozialer, operativer, strategischer und kognitiver Hinsicht wahrgenommen wird. Dies könnte auf die folgenden Gründe zurückzuführen sein (vgl. auch Willke, Systemisches Wissensmanagement, Stuttgart 1998, S. 114 ff.):
Zunahme sachlicher/inhaltlicher Komplexität:
durch die Ausweitung des Aktionsradius von Individuen oder
Organisationen, durch die quantitative Zunahme und Zersplitterung des verfügbar zu machenden Wissens und der Sachwelt, durch permanente analytische Zerlegung der Sachwelt in Subsysteme und Elemente, durch zunehmende Kontextabhängigkeit des Wissens, seiner Relevanz und Wirksamkeit von der Spezifik der Organisationen und Personen, auf die es sich bezieht;
Zunahme zeitlicher Komplexität:
durch die Beschleunigung von Prozessen der Wissens- und Technikentwicklung, die steigende Volatilität des verwertbaren Wissens, den Zwang zur permanenten Anpassung von Organisationen und Individuen an veränderte Umweltbedingungen, den steigenden Zeitbedarf für die Reproduktion des vorhandenen Wissens und verengte Zeitkorridore ("windows of opportunity") für Entscheidungen;
Zunahme sozialer Komplexität:
durch fortschreitende Arbeitsteilung der Wissensarbeiter und wachsende Koordinationsprobleme der verfügbaren Wissensträger, durch Verlust des Gesamtüberblicks über Zusammenhänge und das Zusammenwirken der Bestandteile sozialer Systeme und Organisationen, durch Verlust verbindlicher normativer Orientierungen und Regelsysteme, Prinzipien und Rituale (intra- und interpersonal), durch Konkurrenz unterschiedlicher "Schulen", Ansätze und Paradigmen um Anerkennung und Aufträge;
Zunahme operativer Komplexität:
durch Zunahme von grundlegenden und situativen Handlungsalternativen und Optionen, von alternativen Organisationsformen und deren permanente Ausdifferenzierung, durch zunehmende Reaktivität des Feldes;
Zunahme kognitiver Komplexität:
durch Zunahme von grundlegenden Orientierungsmöglichkeiten, optionale oder multiple Identitäten von Organisationen und Personen und immer höhere Anforderungen an die Selektion und Konstitution von Sinn.
Allerdings erhöhen die Versuche zur Bewältigung von Komplexität in der Regel die sekundäre Komplexität (Eigenkomplexität) des handelnden Systems. Alle Versuche zu zielgerichteter Beeinflussung komplexer Probleme sind selbst extrem komplex - so z. B. Probleme der Unternehmensberatung (vgl. Dörner: Die Logik des Mißlingens, Reinbek bei Hamburg 1989) und führen zu einer "nicht mehr endende[n] Spirale wechselseitiger Überraschung von Beobachtung und Intervention" (Willke, S. 116). Komplexe Probleme entwickeln sich außerdem in der Regel zwar langsam und schrittweise, aber nicht linear; daher sind sie nicht leicht prognostizierbar. Das gilt ebenso für ihre Bewusstwerdung.
Oft ist schon das Auffinden eines Problems eine hochkomplexe Aufgabe. Praxeologien und instruktionale Strategien, die nicht primär wissenschaftlich sondern handlungslogisch orientiert sind (z.B. BWL), haben in der Regel ein geringeres Interesse am Auffinden neuer Probleme als wissenschaftliche Theorien. Aber auch für diese gilt: Weicht ein Problem von den vom System gespeicherten Problemlösungsmechanismen und -modellen ab, wird es oft im Sinne eines schon bekannten Problems uminterpretiert oder ignoriert. Nicht-Wissen (Ignoranz) kann man so auch als eine Form der Komplexitätsreduktion verstehen.
Um der steigenden Informations- und Wissenskomplexität Rechnung tragen zu können, werden in zunehmendem Maße informations- und kommunikationstechnische Vernetzungen von Systemen mit Wissensquellen ihrer Umwelt (Datenlieferanten, Kunden usw.) angestrebt. Doch steigt durch Netzwerkkommunikation auch die Komplexität der intersystemischen Kommunikation, d.h. die Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb eines stark expandierenden Spektrums von Partnern nehmen zu. Hingegen werden die organisationsexternen Kommunikationsabläufe weniger kontingent, d.h. die Sicherheit der standardisierten Informationsübertragung steigt. Netze relativieren die scharfen Grenzziehungen, mit denen wir leben, und intensivieren die lateralen Relationen zwischen Systemen. Komplexe Netzwerkkommunikation verdichtet die Kontingenzen zufälliger Ereignisse zu präzisen, formalisierten, mithin unwahrscheinlichen Ereignisse und zwingt die Kommunikation auf bestimmte enge Pfade; sie kann aber die Umweltkomplexität nicht reduzieren.
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letzte Bearbeitung: 22.10.09
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