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Multi-kulturelle Sensibilität oder Kulturignoranz? (Barbara Weißbach, 2000)

Managementkonzepte galten über Jahrzehnte hinweg als kulturneutral. Man konnte die dahinterstehenden Wissensbestände und Erfahrungen – so die allgemeine Überzeugung - in welchen Kontinent auch immer "verpflanzen". Dass sich hinter der vermeintlichen Kulturneutralität oft ein amerikanischer "bias" verbarg, haben groß angelegte kulturvergleichende Studien in Unternehmen, Universitäten und Business Schools bereits vor 20 Jahren gezeigt.

So verhalten sich amerikanische Konzernleitungen gegenüber ihren europäischen Niederlassungen häufig wenig duldsam, vor allem gegenüber den vielen aus amerikanischer Sicht völlig überflüssigen regionalen und nationalkulturellen Differenzierungen und den innerhalb Europas sehr unterschiedlichen Partizipationsmodellen.

Der explosionsartige Anstieg der Zahl von Großfusionen in jüngster Vergangenheit, aber auch die zahlreichen Fehlschläge, die dabei zu verzeichnen waren, haben mittlerweile die Einsicht gefördert, dass sich die erhofften Wachstumspotenziale –das erklärte Ziel von Zusammenschlüssen - mit Verhaltensmustern, die denjenigen von Besatzungsarmeen gleichkommen, nicht realisieren lassen. Insbesondere droht die Gefahr von Wissensverlusten durch Demotivierung oder Vernachlässigung der spezifischen Anwendungskontexte und Geltungsbedingungen des jeweiligen Managementwissens.

So wird denn eine interessante öffentliche Diskussion über erfolgversprechende Kultur-Konzepte geführt, in der sich im wesentlichen zwei Positionen gegenüber stehen: Die sog. "culture-bound"- oder Kontingenzthese und die "culture-free"- oder Globalisierungsthese. Gemäß der Letzteren sind Unternehmenskulturen zunehmend unabhängig von der nationalen Kultur eines Landes. Die Botschaft lautet: "Erst Wachstumsziele, klare Zahlenvorgaben und Austausch des Managements – nur der Erfolg schafft eine neue Unternehmenskultur!" Handelt es sich im Grunde um eine Fortsetzung der alten ethnozentrischen Idee kulturneutraler Managementkonzepte? Die entgegengesetzte Position, die sog "culture-bound"-These schreibt der jeweiligen Nationalkultur und dem sensiblen Umgang mit ihr einen entscheidenden Einfluss bei Übernahmen zu: Ihr zufolge ist der Erfolg von Managementkonzepten eng an die national-kulturellen Rahmenbedingungen geknüpft. "Erst kultursensible vertrauensbildende Maßnahmen – dann alles andere!" lautet ihre Botschaft auf den Punkt gebracht.

Noch weiter gehende Ansätze ("vive la différence!") versuchen gerade die Differenzen von Wissensbeständen zwischen nationalen Standorten nutzbringend zu verwerten und in Wissensvorsprünge umzusetzen.

Die "kultursensible" Position fand viel Beachtung, weil sie die andere ältere völlig "umdrehte" und mit beeindruckenden Zahlen über gescheiterte Fusionen aufwarten konnte, die auf Missachtung kultureller Faktoren zurückgeführt wurden. BMW und Daimler scheinen sich diese kultursensible Position zu eigen gemacht zu haben mit ihren jeweiligen Übernahme-Strategien. Gerade BMW hat sich explizit bemüht, den Eindruck einer Invasion zu vermeiden. Spricht das Scheitern der Rover-Übernahme nun gegen diese Position und für eine Rückkehr zur alten radikalen Position der Kulturignoranz oder gar -beseitigung?

Mittlerweile hat sich – auch in der Folge der amerikanischen Studie von A.T. Kearney - eine Synthese aus der "culture-bound"-Position "Erst Kultur – dann alles andere!" und dem konträren kultur-ignoranten Standpunkt herausgebildet: Ihr zufolge scheitern Übernahmen und Fusionen vor allem daran, dass

  • sich das aufkaufende Unternehmen nicht zuerst die Frage stellt, wie denn ihr Akquisitionsobjekt in die eigene Vision passt,
  • das neue Management zu langsam aufgebaut werde: Innerhalb von 7 (!) Tagen müsse das Topmanagement und spätestens nach 30 Tagen das Mittelmanagement auf die Beine gestellt sein;
  • man vorrangig Kostenreduzierung und nicht gemeinsame Wachstumschancen in den Blick nimmt,
  • das Unternehmen seine Wachstumsziele nicht frühzeitig genug mit den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten kommuniziert hat (das Absondern von Statements reicht nicht!)
  • die nationale Kultur des Landes, in dem sich das aufgekaufte Unternehmen befindet, missachtet wurde.

Die Ergebnisse dieser Studie sprechen für eine offensive Strategie auf mehreren Ebenen, vor allem aber für Tempo: Manche fusions-erfahrene Berater gehen von einer 30-Tage-, manche von einer 100-Tage-Spanne aus, innerhalb derer die wesentlichen Impulse gegeben und kommuniziert sein worden müssen. Zusätzlich plädieren manche dafür, die nationale Kultur im Land des aufgekauften Unternehmens zu "belassen". Andere empfehlen eine klare Entscheidung: belassen oder beseitigen – Kulturintegration mit Hilfe sog. Integrationsteams sei viel zu langwierig und teuer. Viele – offensichtlich auch ökonomische - Gründe sprechen für das "Belassen" und weitgehende Toleranz gegenüber nationalen Kulturen. Gut ist mit dieser Strategie ein schwedischer Konzern in Italien gefahren. Dazu der italienische Personalentwickler: "Wir als Manager müssen uns natürlich in die konzerneigene Logik einpassen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Das hat auch Bedeutung für Personalentwicklungskonzepte für unsere italienischen Führungskräfte auf der allerobersten Ebene. Diese werden im Ausland geschult. Aber die Schweden tolerieren hier in Italien unsere Vorgehensweisen auf den anderen Führungskräfteebenen und lassen uns große Spielräume."

Dr. Barbara Weißbach ist Geschäftsführerin des IUK GmbH Instituts in Dortmund und leitet u.a. transnationale Forschungs-, Beratungs- und Qualifizierungsprojekte im Maschinenbau.


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letzte Bearbeitung: 22.10.09