
Unternehmensberatung und
Prozeßgestaltung als Wissensmanagement (H.-J.
Weißbach, 1999)
Jeder betriebliche Produktions- bzw. Leistungserstellungsprozess ist ein
Handlungszusammenhang, der unter dem Gesichtspunkten der Interessen,
Intentionen, Interpretationen und Wissensbestände der Beteiligten
rekonstruiert werden muss. Jede externe (durch Bertater) oder interne (durch
interne Prozessgestalter) Intervention in diesen Handlungszusammenhang
tangiert nicht nur Interessen und Intentionen der Akteure, sondern auch
deren Wissensbestände, gleichgültig ob es sich um professionelles
Fachwissen, systematisierte Erfahrungen, Alltagswissen oder gar Vorurteile
und Glaubenssätze handelt („Gruppenarbeit kann man in diesem Betrieb
nicht einführen“).
Jede Organisationsveränderung zieht also eine Veränderung von
Wissensstrukturen nach sich, egal ob diese intentional oder nicht intentional erfolgt: In
veränderten Strukturen wird eben anders und Anderes gelernt. Besonders einleuchtend ist
dies bei Themen wie Einführung von KVP, Kaizen oder TQM, bei der Reorganisation ganzer
Ablaufketten (z.B. Konstruktion - Auftragsbearbeitung - Produktion), bei Produktinnovation
und Lieferprogrammgestaltung. Aber selbst Fragen der Krankenstandsenkung oder Einführung
von Gruppenarbeit hängen zentral von der Veränderung von Wissensbeständen ab. Diese
Wissensbestände sind natürlich rollen- bzw. positionsabhängig, erfahrungsabhängig und
somit nicht notwendig systematisiert, sondern eher handlungsorientiert-pragmatisch
ausgerichtet.
Wissensbestände sind also keine konsistenten
theoretische Systeme. Es handelt sich beim betrieblichen Praktikerwissen
nicht primär um sehr hoch reflektiertes Wissen, sondern eben um „bewährtes“
Wissen. Bei allen Innovationen entstehen nun Inkompatbilitäten zwischen den
„bewährten“ Routinen und den neuen Strukturen, die zu beachten und zu
verarbeiten sind. Solange das dominante Routinewissen unreflektiert bleibt,
ist es schwierig, alternative, neue Verhaltensweisen einzuführen.
In „lean“ gemachten Unternehmen können solche
Inkompatibilitäten besonders deutlich werden: etwa durch Verlust von
hierarchischen Positionen, auf denen ein bestimmtes Denken bestimmend war,
durch Verlust oder Unwirksamkeit von tradiertem Gestaltungs- und
Rezeptwissen usw. Diese Inkompatibilitäten zwischen Strukturen und
Prozesswissen können sich als Risiken, aber auch als Chancen des Prozesses
bemerkbar machen. Massive Diskrepanzen können insbesondere zwischen
verallgemeinerten sozialen Diagnosen bzw. „sozialem Alltagswissen“ („Menschenbildern“)
und Umstrukturierungszielen auftreten (Gruppenarbeit).
Aus dieser Diagnose ergibt sich, dass Beratung und Prozessgestaltung
auch immer die Funktion der Anpassung der Wissensbestände haben muss, deren Erfolg schwer
zu messen ist, aber sich doch im jeweiligen Projektrahmen sachlich, zeitlich und sozial
ausweisen sollte.
Allerdings sind die Beratungsnachfrage (Bedarfsformulierung /
Eigendiagnose aufgrund eines Selbstbildes der Organisation bzw. verschiedener Akteure) und
das Angebot (Fremddiagnose und konkret angebotene Beratungsleistungen) in zeitlicher,
sachlicher und sozialer Hinsicht fast immer unausgeglichen. Das gilt bezüglich der
Gegenstandsfelder, der zeitlichen Dimensionen und auch der sozialen Kommunikationsformen.
Das Problem der Beratung besteht v.a. darin, dass Wissensbestände der Org-mitglieder
nicht direkt abfragbar siond, sondern gedeutet und erschlossen werden müssen. V.a. sind
die betrieblichen Verhaltensweisen für den Berater immer nur in kleinen Segmenten zu
beobachten.
In diesem Kontext sehen wir 5 Funktionen der Beratung:
- die Deutungsfunktion (Fremddiagnose) der Berater
- die Interpretationsfunktion für das Unternehmen und die Akteure in
den gegeben Strukturen (Einfluss auf das Selbstbild und die Eigendiagnose der
betrieblichen Akteure)
- die Interpretationsfunktion hinsichtlich des konkreten Verhaltens in
möglichen neuen Strukturen
- die Organisationsfunktion von Beratung (wie organisiert man die
geforderten neuen Wissenbestände)
- die Bestätigungsfunktion hinsichtlich der Verfestigung neuer
Wissensbestände (bravo, gut gemacht....)
Ein wichtiges Beratungsziel ist also stets auch die Umbildung der
Wissensbestände in alltäglichen, aber auch in und durch außer-alltägliche Situationen.
Literatur: Fischer, J., u.a. Arbeitsgestaltung und
Organsiationswandel in der Bekleidungsindustrie, Ffm. 1982, S. 211 ff.; Lindblohm &
Cohen: Usable Knowledge, London 1979.
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