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Wissen (Hans-Jürgen Weißbach, 1999)

Seit 2500 Jahren versuchen Philosophen, neuerdings auch Psychologen herauszufinden, was eigentlich "Wissen" ist. Diese Bemühungen waren nicht sehr erfolgreich. Wir wissen noch immer nicht genau, wie der "mentale Sprung", der vom Reiz-Reaktionsschema zum bewußten Handeln führt, zustande kommt und wie das Wissen aufgebaut wird, das sich hinter der Fähigkeit des Menschen zum komplexen Handeln verbirgt.

Klar ist allerdings erstens: Handlungsrelevantes Wissen ist an individuelle oder kollektive Subjekte (auch an Organisationen, Kulturen, usw.) gebunden - es "gehört" jemandem und ist von seinem Träger schwer ablösbar, anders als Information, die abgelöst, gespeichert und vermarktet werden kann. Wissen ist zweitens keine unstrukturierte Menge von Informationen, sondern liegt in generalisierter und systematisierter Form vor; es hat also eine Struktur. Drittens unterliegt es einer Langzeitdynamik: Es baut sich im Laufe einer Biografie (oder während der Entwicklung einer Organisation) allmählich auf; alte Wissensbestände sinken allmählich wieder ab. Anders als die Rezeption und Nutzung von Information ist die Entwicklung und Aktivierung von Wissen nicht an ein enges Zeitfenster gebunden.

Wissen ist also ein relativ "zählebiger" Faktor. Manchmal muss es "vergessen" werden, um überhaupt Neues lernen zu können. Wissen prägt uns bis in den körperlichen Habitus hinein: die Kurzsichtigkeit, der krumme Rücken sind Zeichen der Aneignung von Wissen ebenso wie der verbreiterte Daumen des Anlagenfahrers, der alle 10 Minuten auf den Stop-Knopf drückt. Und selbst der kontinuierliche Fluss vieler Informationen beeinflusst das durch individuelle Ausbildung und Erfahrung aufgebaute oder in einer Organisation insgesamt repräsentierte Wissen oft nur unmerklich oder in sehr langen Zeiträumen. 

Je entfalteter und praxisbewährter ein Wissensbestand, desto geringer die Chance, dass er durch neu hinzu kommende Informationen "verunsichert" wird: Je länger Individuen oder Organisationen erfolgreich mit ihren Wissensbeständen gerarbeitet haben, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufgrund einiger weniger neu hinzu kommender Informationen angepasst werden müssen. Das mag einst ein evolutionärer Vorteil gewesen sein: bewährtes Wissen gibt man nicht schnell preis; in der Zeit schnelllebiger Märkte und Organisationskonzepte wird es zum Problem.

Nicht nur erwachsen allmählich Wissensbestände aus dem permanenten Informationsfluss; auch konstituiert Wissen erst die Fähigkeit zur Informationsbewertung und zu ihrer Einbettung in Kontexte. Selbst bei der Arbeit mit noch so "intelligenten" Datenbanken bleibt doch der wichtigste Schritt immer noch die Selektion und Bewertung der Information an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Erst durch menschliche Aufmerksamkeit und durch menschliches Kontextwissen erhält ein Reiz oder Signal Signifikanz und wird als "Information" hervorgehoben; d.h. er bekommt Gestalt (von lat. "informare" - eigentlich: in Gestalt bringen). 

Wissensbestände zeichnen sich stets auch durch sie maßgeblich strukturierende (oft kaum mehr begründbare) Glaubenssätze aus, hat doch Wissen auch mit "Für-wahr-halten" zu tun. Während Informationen oft einfach nachprüfbar sind, wird Wissen im Rahmen von komplexen Beeinflussungsstrategien weiter gegeben, für deren Funktionieren eher die Stabilität und Glaubwürdigkeit gesellschaftlicher Institutionen und nicht die punktuelle Nachprüfbarkeit eine Rolle spielen (z.B. Glaube an Professionalität und Legitimität der Vermittler von Wissen).

Die Weitergabe und der Aufbau von Wissen werden daher nicht nur durch Faktoren wie formale Organisation, Macht oder Autorität geprägt, sondern eher durch Beeinflussung. Wenn jemand Wissen, das ihm von anderen übermittelt wurde, für wahr hält, zeigt das nur den Einfluss der anderen.

Angekündigte, deutlich bevorstehende oder sonstwie spürbare Veränderungen unseres Wissens oder des Wissens der Menschen, die uns umgeben (z.B. infolge des spürbaren Eintritts in "die Informationsgesellschaft") lösen Ängste aus; die Wissenträger halten zäh an ihren Ritualen fest; sie fürchten die "Enteignung" ihres Wissens.

Etymologisch hat Wissen mit dem indogermanischen Stamm videin* zu tun. Doch spielt optische Wahrnehmung eine geringere Rolle für den Aufbau des wissens als etwa die akustische. Tatsächlich können wir Wissen weder "fassen" noch beobachten. Wir können allenfalls die sozialen Formen, in denen er erlernt und weitergegeben wird, beobachten, z.B. in Form von Ritualen in Schulen und Universitäten, auf Fachkongressen usw.

Wenn man nicht einmal genau weiß was Wissen ist : wie kann man dann davon sprechen, es zu "managen"? Um Wissen zu nutzen und managen zu können, muss man es wertschätzen. Achtung vor dem Wissen ausscheidender Mitarbeiter hilft z.B. zu erkennen, dass an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz jetzt ein Wissensdefizit zu entstehen droht.


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letzte Bearbeitung: 22.10.09