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Geschichten
Für die Interpretation von Intersubjektivität
bietet der Begriff der "Geschichte" eine interessante Folie.
Geschichten sind keine rein sprachlich-logischen Strukturen (wie etwa
Wittgensteins Sprachspiele), sondern Lebens- (z.B. "Liebes-",
"Beziehungs-", "krumme Geschichten"), Organisations-,
institutionelle Zusammenhänge, Rituale usw. - oder auch geronnene
Erkenntnisse. Geschichten stellen keine geschlossenen Gebilde dar, die
jeweils von nur einem Individuum konstituiert werden oder nur einem
Individuum offen stehen. Vielmehr können verschiedene Individuen
gleichzeitig an (mehreren) Geschichten partizipieren und sind in sie
verstrickt, wobei jedes Individuum sie etwas anders erlebt und einen
eigenen Beitrag zu ihrer Entfaltung und Weiterentwicklung liefert. Auch
Therapie und Beratung, Wissenschaft und Praxis verändern Geschichten.
Subjektivität bedeutet unter diesen Prämissen:
Verstricktsein in Kontexte, die nicht von einem Ego hervorgebracht wurden,
sondern die mit ihm gleich ursprünglich gegeben sind. Ich und Du sind
prinzipiell gleichberechtigt, Denk-, Wahrnehmungsprozesse, Erkenntnisse
und Emotionen sind nicht in einem Individuum lokalisierte Vorgänge oder
Regungen und auch nicht von ihm / ihr loszulösen und zu objektivieren;
sie konkretisieren sich nur in Geschichten. Erst eingebunden in
Geschichten treten Emotionen auf. Zwar kommt den eigenen Geschichten ein
Primat zu, denn niemand kommt ihnen so nahe wie der Verstrickte. Doch gibt
es auch Kollektivgeschichten, die von vielen Individuen ähnlich erlebt
werden.
Geschichten sind nicht als Gegenstände zu behandeln,
sie sind nur im Rahmen ihrer Kontextbindung analysierbar. Geschichten sind
rein relationale Zusammenhänge, sie haben keinen substanziellen
Charakter. Ein(e) BeobachterIn befindet sich in keiner günstigeren
Position, sie zu analysieren als der / die Verstrickte selbst, aber jede(r)
BeobachterIn wird notwendig in die Geschichte integriert. Auch die den
Menschen umgebenden technischen oder wissenschaftlichen Artefakte sind,
obwohl zunächst Objekte des zielgerichteten zweckrationalen Handelns,
stets in Geschichten verstrickt und ohne diese sinnlos. "Welt"
ist alles, was in Geschichten vorkommt. Handlungen, die nicht in
Geschichten eingebettet sind, haben keinen Sinn.
Subjektive Theorien, individuelles Wissen oder
wissenschaftliche Erkenntnisse sind Bestandteile der Geschichten.
Geschichten erzählen und interpretieren heißt: Partizipation der ErzählerInnen
und ZuhörerInnen an gemeinsamen Konfigurationen, deren Deskription und
Deutung sowie ihre dynamische Veränderung als Folge des Austauschs der
Deskriptionen und Deutungen. Doch sind Geschichten nicht notwendig vollständig
verbalisierbar; sie haben bedeutende nonverbale (z.B. emotionale) Anteile.
Sie besitzen nur ein geringes Maß an Ordnung, Geschlossenheit und
Invarianz, so dass man für sie keine Gesetze formulieren könnte.
Vielmehr sind Geschichten unwiederholbare, sich stets weiter fortsetzende
Sinnzusammenhänge, die durch Erinnern, Erzählen, Deuten usw. jedesmal
verändert werden. Sie sind nie in allen Einzelheiten rekonstruierbar,
weil sie allein schon durch den Rekonstruktionsversuch verändert werden
(Geschichten als "unscharfe", in Folge beobachtender Eingriffe
dynamische Phänomene). Es gibt somit keine zweifelsfreien
Originalfassungen. Geschichten sind auch nicht als Ausdruck der
Strukturdynamik von Systemen interpretierbar, weil eine Trennung zwischen
der Systemstruktur und seiner Geschichte unzulässig wäre.
Geschichten sind immer nur auszugsweise oder
blitzlichtartig erfassbar. Situationen sind Querschnitte durch
Geschichten. Geschichten haben Horizonte, die in Vergangenheit
("Vorgeschichten") und Zukunft greifen.
Der von Schapp entwickelte G.begriff hat den Vorteil,
dass er erkenntnistheoretisch wenig voraussetzungsvoll ist und den
klassischen Subjekt-Objekt-Dualismus vermeidet. Er eignet sich zur
Illustration und Analyse von komplexen intersubjektiven Beeinflussungs-
und Veränderungsvorgängen, u.a. von Vorgängen, die bei
Beratungsprozessen ablaufen.
Prof. Dr. Hans-J. Weißbach (Mail 2003)
Literatur:
Wilhelm Schapp: In Geschichten verstrickt, 3. Aufl. Frankfurt/M. 1985.
Arno Müller: Geschichten und die Kategorien der Sozialwissenschaft,
Frankfurt/M. 1986.
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letzte Bearbeitung: 22.10.09
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