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Schlüsselkompetenzen:
oft gefordert, selten definiert, kaum gemessen, nie erreicht?
Sog. Schlüsselkompetenzen werden von fast jedem zukünftigen
Stelleninhaber erwartet – mindestens ab einer mittleren Führungsposition.
Das zeigt ein Blick in die gängigen Anzeigen im Stellenteil der
Zeitungen. Am häufigsten werden bestimmte Problemlösungsfähigkeiten
(Kreativität, Analyse- und Denkfähigkeit), Arbeitstugenden wie Selbstständigkeit
und Sorgfalt, soziale und kommunikative Kompetenzen sowie Teamfähigkeit
erwartet. Dass kaum noch eine Stellenausschreibung auf die Nennung der gängigsten
Schlüsselkompetenzen verzichtet, ist ein Zeichen für die zunehmende
Komplexität von Arbeitsprozessen: Es reicht für unterschiedlichste Tätigkeiten
schon lange nicht mehr aus, nur fachlich versiert zu sein. Zunehmende
Kontakte zu Kunden und Zulieferern, steigende Notwendigkeit zur
Krisenkommunikation angesichts eng gekoppelter und simultan statt
sequenziell ablaufender Arbeitsprozesse sowie steigende Anforderungen an
die Motivationsfähigkeit auch angesichts hoher Belastung lassen Schlüsselkompetenzen
zum unbedingten „Muss“ avancieren.
Oft entsteht jedoch bei der Durchsicht von
Ausschreibungen und Anzeigen der Eindruck der Floskelhaftigkeit,
Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Das verweist auf ein Dilemma: Anzeigen
ohne Nennung der wichtigsten Schlüsselkompetenzen sind offensichtlich
nicht mehr ernst zu nehmen – sie könnten nach außen signalisieren,
dass das einstellende Unternehmen nicht auf der Höhe der Zeit ist. Das
Floskelhafte gerade der eingeforderten Schlüsselkompetenzen wiederum lässt
Bewerberinnen und Bewerber ebenso wie die Personalleitung der
einstellenden Unternehmen viel eher auf die fachlichen Anforderungen
schauen – man weiß, dass alles andere oft nur modisches Beiwerk ist und
macht das Spiel mit.
Spätestens im Bewerbungsgespräch macht sich bei Führungskräften
und Personalleitungen Unsicherheit darüber breit, wie man denn Schlüsselkompetenzen
messen will: Woran merkt man, ob jemand analytisch und kreativ denken
kann, teamfähig, sorgfältig und entscheidungsstark ist? Während
Bewerbungsunterlagen zumindest über die fachlichen Qualifikationen und
berufliche Vorerfahrungen einiges aussagen können, ist in der „face-to-face“-Bewerbungs-situation
häufig der erste Eindruck und die Intuition der Entscheidungsträger
ausschlaggebend. Personalverantwortliche wissen oft nicht, wie sie über
den Ausprägungsgrad der gewünschten Schlüsselqualifikationen des
Bewerbers oder der Bewerberin überhaupt hinreichende Informationen
erhalten können. Sozial erwünschte Antworten auf Verlegenheitsfragen der
Einstellenden und deren vage Impressionen über die potenziellen
Einzustellenden können keinesfalls dem hohen Stellenwert der Schlüsselkompetenzen
Rechnung tragen. Eine Einstellung der Bewerberin oder des Bewerbers nach
dem Motto „Das wird schon passen!“ hinterlässt jedoch mehr als nur
eine Restunsicherheit. Ob jemand Schlüsselqualifikationen besitzt, merkt
man in vielen Unternehmen erst in kritischen Situationen, die die neu
eingestellte Person bewältigen kann oder eben nicht.
Ein anderes Problem entsteht dadurch, dass Schlüsselkompetenzen
sicherlich nicht bereichsunabhängig und auch noch unabhängig von den
Kernkompetenzen eines Unternehmens definiert werden können. In den
meisten Ausschreibungen werden sie jedoch pauschal gefordert - und daher
oft augenzwinkernd ignoriert.
Einstellende Unternehmen tun deshalb gut daran,
- Schlüsselkompetenzen möglichst detailliert und
passgenau für bestimmte Unternehmensbereiche oder –funktionen zu
definieren (z.B. im Vertrieb sind andere Schlüsselkompetenzen
gefordert als in der Entwicklung)
- den erforderlichen Grad der Ausprägung dieser
Kompetenzen ausgehend von der Funktion oder dem Verantwortungsbereich
der Einzustellenden zu bestimmen
- Kriterien für ihre Messung zu definieren.
Folgende einzelne Kompetenzen im Umgang mit
Anforderungen sind zu unterscheiden (wobei sie nicht notwendig völlig
unabhängig voneinander sind):
Basiskompetenzen im Umgang mit der eigenen
Person: dazu gehören
- zielorientiertes Handeln und Durchhaltevermögen
- Leistungs- und Lernbereitschaft
- Eigeninitiative, Selbstmotivationsfähigkeit, Fähigkeit
zum Selbstmanagement
- Entscheidungsfähigkeit, umsetzungsorientiertes
Denken
- Ambiguitäts- und Unsicherheitstoleranz
- Sorgfalt und Belastbarkeit.
Kompetenzen im Umgang mit Anderen: dazu gehören
- soziale Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen,
Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit, Kooperations- und Teamfähigkeit,
soziale Unabhängigkeit i.S. von nicht manipulierbarer Urteilsfähigkeit,
soziales und Namensgedächtnis, Fähigkeit zum Networking
- kommunikative Kompetenzen wie Führungs- und
Zielsetzungsfähigkeit, sprachliche Ausdrucksfähigkeit (mündlich und
schriftlich), Fremdsprachenbeherrschung, Fähigkeit zum kommunikativen
„Stilwechsel“, Fähigkeit zum Zuhören, zur Delegation, zur
Motivation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Feedback-Fähigkeit,
Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme
Kompetenzen für spezielle Situationen: z.B.
- interkulturelle Kompetenzen, Fähigkeit zum
kulturellen Perspektivwechsel, Diversity-Fähigkeit (d.h. Unterschiede
und Vielfalt wahrzunehmen, anzuerkennen, respektvoll mit ihnen
umzugehen und sie bewusst für die Erreichung der jeweiligen Ziele
einzusetzen)
- Risikobereitschaft und Fähigkeit zum
Risikomanagement
- Verhandlungskompetenz
intellektuelle Kompetenzen wie
- schnelle Auffassungsgabe, räumliches
Vorstellungsvermögen, Kreativität, Problemlösungsfähigkeiten,
systematische Analysefähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Blick für
Details, Zahlen, Muster, spezifische Strukturen usw.
methodische Kompetenzen und Arbeitstechniken
wie
- Umgang mit Zeit und anderen Ressourcen
- gezielter Umgang mit Informationen
- Fähigkeit, Prioritäten zu erkennen und zu
setzen
- Stressmanagement
- Präsentations- und Moderationstechniken.
Betrachten wir die Gesamtkompetenz einer
Person, so stellen wir fest, dass darin sowohl Wissensanteile als auch Fähigkeiten
als auch Motivationsgrößen enthalten sind: Kompetenz könnte man auch
definieren als die Fähigkeit und Bereitschaft, wissensbasiert
zielgerichtet und zieladäquat zu handeln.
Gesamtkompetenz
=
Wissen + Handlungsfähigkeit + Handlungsbereitschaft
In größeren Unternehmen werden Schlüsselkompetenzen
oft mit Hilfe von Assessment Center (AC) gemessen: standardisierte
Tests, fiktiver Fallbeispiele, Rollenspiele und Gruppendiskussionen können
– geschulte Beobachter vorausgesetzt - valide Auskunft darüber geben,
welche Kompetenzen in welcher Ausprägung vorhanden sind. Der selektive
erste Eindruck des Bewerbungsgesprächs mit seinen selten hinterfragten
Auswahlmechanismen erfährt dabei eine Präzisierung bzw. Korrektur. In
kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) jedoch sind Assessment Center
die ganz seltene Ausnahme: Sie erscheinen zu aufwändig und es fehlt an
den Ressourcen, um sie zu konstruieren, durchzuführen und auszuwerten.
Aufwand und Ressourcen sind sicher nicht ganz unerheblich. Als Alternative
bieten sich teilstandardisierte Hilfen für Bewerbungsgespräche und
Personalauswahl in KMU an.
Was ist zu tun, wenn man keine hinreichend
geeigneten Bewerberinnen und Bewerber findet?
In diesem Fall liegt es nahe, noch fehlende Schlüsselqualifikationen
zu entwickeln. Aber welche Kompetenzen können überhaupt relativ
kurzfristig entwickelt werden? Zur Beantwortung dieser Frage sind drei
Prinzipien zu beachten:
Prinzip 1: Je enger
Kompetenzen mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen, desto komplexer
und schwieriger ist ihre Entwicklung, wenn die Persönlichkeitsmerkmale
nicht gegeben sind.
Prinzip 2:
Wissenskomponenten von Kompetenz können vergleichsweise kurzfristiger
erworben werden als Fähigkeiten – und Fähigkeiten können wiederum
leichter trainiert werden als Motivationen.
Prinzip 3: methodische
Kompetenzen und Arbeitstechniken, aber auch soziale Kompetenzen können
eher kurz- bis mittelfristig trainiert werden als etwa Basiskompetenzen im
Umgang mit der eigenen Person oder intellektuelle Fähigkeiten.
Hier kann eine gezielte Kompetenzentwicklung
– auf der Basis der drei Prinzipien –
sinnvoll sein: Zu Beginn des Einarbeitungsprozesses müssen die noch zu
entwickelnden Schlüsselkompetenzen definiert und operationalisiert
werden. Dies erlaubt anhand der im Einstellungsgespräch oder AC
festgestellten und in der ersten Einarbeitungszeit beobachteten
Kompetenzen die systematisch angeleitete Personalentwicklung für
bestimmte Positionen und Funktionen.
Was folgt daraus insbesondere für KMU?
Obwohl nicht bestritten werden soll, dass KMU eine ausgezeichnete
Lernumgebung für das Training vieler Kompetenzen darstellen
k ö n n e n , ist zu großer Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten
des Lernens „on the job“ unbegründet. Die geforderte Lernumgebung
wird nämlich oft gar nicht geschaffen, die Lernwege sind zu lang, es gibt
zu viele Reibungsverluste und zu wenig institutionalisierte Reflexionsmöglichkeiten.
Generell ist der Nutzen eines Berufsanfängers oder einer -anfängerin,
den er oder sie aus der Arbeit in KMU ziehen kann, daher oft größer als
der, den das KMU aus der Einstellung eines Anfängers ziehen kann. Ein KMU
kann oft an einer einzigen Fehlbesetzung z.B. im Vertrieb zu Grunde gehen
(wobei die „Fehlbesetzung“ daraus wertvolle Erfahrungen ziehen kann!).
D.h. die Chancen, die sich aus betrieblichen Lernprozessen für das KMU
und die neu eingestellte Person ergeben, sind nicht symmetrisch – die
Tauschbeziehungen stimmen oft nicht! Da KMU in der Regel weder Zeit noch
Geld für umfangreiche AC haben dürften und sich keine teuren
Testlizenzen, lange Einarbeitungszeiten oder Trainee-Programme leisten können,
muss das Vorhandensein wichtiger erforderlicher Kompetenzen schon bei der
Einstellung mit geringem Aufwand und auch ohne Fachpsychologen
sichergestellt werden. Um so wichtiger erscheint es gerade auch in KMU, im
Vorfeld der Personalrekrutierung (Schlüssel-)Kompetenzprofile zu
definieren und die Verantwortlichen in der Beobachtung zu schulen. Das
lohnt sich, wenn Einarbeitungsprozesse abgekürzt und Fehlbesetzungen
vermieden werden sollen!
Dr. Barbara Weißbach (IUK Institut Dortmund) www.iuk.com
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letzte Bearbeitung: 22.10.09
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