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Selbstorganisiertes Lernen

Mit dem Konzept des selbstorganisierten Lernens wird der Paradigmenwechsel von der Zentrierung auf den Lehrenden zum Lernenden vollzogen - was für die Lehrenden möglicherweise eine höhere Anpassungsleistung verlangt als von den zukünftigen Subjekten des avisierten Bildungsprozesses. Ziel des veränderten Verständnisses von Lernprozessen ist die Förderung der Handlungskompetenz der Lernenden, die zu autonomen Subjekten ihrer Kompetenzentwicklung werden sollen. Motiv der Neuorientierung ist die Einsicht, dass sich Lernen auf allen Dimensionen (technisch und sozial, z.B. im Hinblick auf neue Zielgruppen) in sich ständig verändernden Kontexten vollzieht. Daher müssen sich die Lernarrangements verflüssigen und flexibilisieren. Andernfalls ist ein Transfer nicht möglich.

Die neue selbstorganisierte Lernkultur zeichnet sich im wesentlichen durch drei Merkmale aus. (1) Sie ist nicht defizit-, sondern ressourcenorientiert, d.h. die Gestaltung des Lernprozesses reflektiert auf (berufs-)biographische Voraussetzungen. Sie knüpft an vorgängige Lernerfahrungen an und versucht diese für den Prozess zu nutzen. Unter Lernerfahrungen werden jedoch keine zertifizierbaren Qualifikationen verstanden, sondern vor allem methodische Kompetenzen. (2) Lernen erfolgt nicht in abgekoppelten isolierten Kontexten, sondern integriert in authentischen ganzheitlichen Lernarrangements. (3) Die neue Lernkultur basiert auf demokratischen Prinzipien, d.h. die Lehrenden werden zu Kontextgestaltern und Prozessbegleitern, während die Lernenden die Rolle der Subjekte im Prozess übernehmen. Sie legen Lernziele und –inhalte selbst fest. Damit ist der gesamte Prozess im Sinne einer zieloffenen Transformation durch Suchbewegungen und Selbstvergewisserungen gekennzeichnet.

Auf dem Prinzip der Selbstorganisation basierende Weiterbildungskonzepte teilen gewisse systemtheoretische Grundannahmen, nach denen Lernende als autopoietische Systeme begriffen werden, denen nicht Wissensbestandteile implantiert werden, sondern die selektiv nach ihren eigenen selbstreflexiven Regeln Sinn und Bedeutungen erzeugen. Die Konsequenzen dieser Position für die Praxis sind kaum zu überschätzen: Weiterbildungsinstitutionen werden von Kursanbietern, die zertifizierbares Wissen und Qualifikationen vermitteln, zu Gestaltern individueller Lernarrangements und Prozessbegleitern, die lediglich ein Unterstützungssystem bereitstellen und differenziert prozessbezogen intervenieren. Die Lernenden sollen schließlich ihre Lernprozesse selbst steuern können. Mit diesen neuen Herausforderungen verschwimmen die Grenzen von Beratung und Weiterbildung. Methodisch bedeutet dies die Erhöhung des Anteils selbstorganisatorischer Lernumgebungen durch den Einsatz von Formen der Gruppenarbeit und IuK-Technologien und einer verstärkten Nutzung des Feedbacks der Lerneden an die Lehrer.

Die Selbstorganisation betrifft zwei Kernbereiche:

  • Die Rahmenbedingungen des Lernprozesse, die im Hinblick auf flexible Lernzeiten und variable Lernorte offen gestaltet werden
  • Die Lernzieldefinition und die Kontrolle der Lernergebnisse, die in die Verantwortung der Lernenden übergeben.

Die damit verbundene ständige Revision der Perspektiven bringt das selbstorganisierte Lernen in die Nähe (de)konstruktivistischer Lernkonzepte.

 

Literatur:
Fischer, E.: Weiterbildner lernen selbst organisiertes Lernen. In: QUEM Report Heft 76 Teil II: Lernen in Weiterbildungseinrichtungen. PE/OE-Konzepte. Hg. ABWF, Berlin 2003.
Sievert, H.: Selbstorganisiertes Lernen und Lernberatung. Neue Lernkulturen in Zeiten der Postmoderne. Neuwied 2001.

Dr. Andrea Poy, Sept. 2003

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letzte Bearbeitung: 22.10.09