Ausgangspunkt der Theorie des kreativen Feldes ist die
Erfahrung, dass Lernprozesse, besonders wenn sie die Entwicklung von
Kreativität zum Ziel haben, nur begrenzt steuerbar sind. Ob in
Weiterbildungsinstitutionen oder Unternehmen stoßen daher
Top-down-Ansätze, die gezielt kreative Impulse und Innovationen
hervorbringen sollen, auf Widerstände in Form mehr oder weniger
institutionalisierter Abwehrroutinen. Dies gilt auch dann, wenn bei der
Prozessentwicklung sog. Steuergruppen, die oft nur als Verlängerung von
Geschäftsleitungen wahrgenommen werden, zwischen Organisationsspitze und
den Mitgliedern vermittelten sollen. Diese Ausgangssituation wirft die
Frage auf, wie Veränderungsprozesse angeregt werden können, die von allen
getragen werden und nicht als von außen kommende und daher als erst
einmal abzuwehrende Intervention aufgefasst werden. Bei allen Mitgliedern
muss zunächst das „Owning the problem" realisiert werden (vgl.
Burow / Hinz 2003).
Eine Antwort liefert das Modell des „kreativen
Feldes" (Burow 1999), das - ausgehend von der Gestalttheorie –
annimmt, dass ein Umfeld nie objektiv gegeben ist, sondern vom Lernenden
subjektiv-erlebnismäßig strukturiert wird. Wir konstruieren unsere
Umgebung, so wie auch die unterschiedlichen Konstruktionen unseren
Handlungs- und Verhaltensspielraum beeinflussen. Ob Subjekte ihre
kreativen Potentiale freisetzen und nutzen, hängt vor allem davon ab,
inwiefern das Umfeld als fördernd empfunden wird. Für den
berufsprofessionellen Bereich gelten folgende Faktoren als förderlich:
- Komplexität der Tätigkeit
- Nicht-autoritativer Führungsstil
- Unterstützende Vorgesetzte
- Anregende Arbeitskollegen
- Kreative Konkurrenz (motivierende Herausforderungen)
Inwiefern Fähigkeiten und Potentiale genutzt werden
können, hängt also von der kreativitätsfördernden Umgebung ab.
Wirksame Personal- und Organisationsentwicklung setzen
daher an der Gestaltung dieser Faktoren an, die das Entstehen kreativer
Felder fördern sollen. Nach Gardner (1996) entwickelt sich Kreativität
unter der Voraussetzung einer optimalen Passung zwischen individuellem
Talent, der Wahl einer „reifen" Domäne bzw. Disziplin, die dem
Subjekt die Entfaltung seiner Anlagen erlaubt, und der Fähigkeit, im
institutionellen bzw. organisatorischen Feld Anschlussmöglichkeiten zu
entdecken und Anerkennung zu finden. Während in diesem Modell noch die
überragende Persönlichkeit im Mittelpunkt steht, versucht Burow jenseits
des Geniekults die soziale Dimension kreativer Prozesse in den Vordergrund
zu rücken. Herausragende Individuen fungieren in diesem modifizierten
Ansatz eher als Kristallisationskerne oder Magneten, die in andere begabte
Personen anziehen und in diesen Teams die Entwicklung kreativer Prozesse
begünstigen. Burow stellt als Prototyp eines kreativen Feldes die
Jazzband vor. Das Jazzband-Modell vereint viele als unterstützend
erkannte Prinzipien:
- Überschaubare Gruppengröße
- Selbstorganisation auf der Basis demokratischer
Entscheidungsstrukturen, gemeinsam vereinbarte Regeln
- fähigkeitsorientierte Führungsrotation (Fähigkeit des
Zurücktretens)
- Zeitaufwändiger Prozess der Selbstselektion
- Arbeitsteilung bei gleicher Belohnung im Sinne einer
Win-Win-Situation
Zusammenfassend definiert Burow das kreative Feld als „eine
in sozialer und materieller Hinsicht spezifisch konstruierte Umgebung, die
einen besonderen Aufforderungscharakter für die synergetische Entfaltung
des kreativen Potentials der zueinander in Beziehung stehenden Personen
ausübt. So zeichnet sich ein Kreatives Feld durch den Zusammenschluss von
zwei oder mehr Personen mit stark ausgeprägten unterschiedlichen
Fähigkeiten aus, die versuchen in dialogischer Weise ihren gemeinsamen
Grund sowie ihre Unterschiede zu erforschen, mit dem Ziel, in einem auf
Gegenseitigkeit beruhenden Lernprozess ihr kreatives Potential gegenseitig
hervorzulocken, zu erweitern und zu entfalten." (Burow 1999: 123ff.)
Die Voraussetzungen kreativer Prozesse werden in diesen
Felder u.a. konfiguriert durch
- dialogische Beziehungsstrukturen
- gemeinsames Interesse (Produkt, Vision)
- Vielfalt unterschiedlicher Fähigkeitsprofile (Personenzentrierung)
- Konzentration auf die Entfaltung der gemeinsamen Kreativität
(Synergieprozess)
- gleichberechtigte Teilhabe ohne Bevormundung durch Experten
(Partizipation).
Im Modell des kreativen Feldes wird das Subjekt als
Träger von Potenzialen gesehen und nicht als weiterzubildendes „Mängelwesen".
Kennzeichnend ist – im Gegensatz zur konkurrenzorientierten
Zwangsindividualisierung, die das Verdecken von Schwächen fördert - die
positive Sicht auf individuelle Schwächen. Im Rahmen diese Konzept werden
sie nicht als Defizite, sondern als potentielle Andockmöglichkeiten für
Synergiepartner betrachtet.
Zentrale Fragen sind:
- Wo liegen meine Talente, Defizite?
- Wer oder was unterstützt mich? Wer oder was behindert mich?
- Welche Domäne/Disziplin liegt mir / liegt mir nicht?
Zur Umsetzbarkeit des Modells
Das Entstehen kreativer Felder ist um so wahrscheinlicher,
je kleiner die Organisation ist und damit verbunden je größer die
wechselseitige Kenntnis der individuellen Fähigkeiten und Begabung der
Mitglieder einer Organisation sowie ihrer sozialen (Un-)Verträglichkeiten
ist. Denkbar ist die Schaffung kreativer Felder z.B. durch kreative
Unternehmensgründer, v.a. als Spin-Off von Hochschulen. Hier kommen die
Faktoren der Forscherpersönlichkeit und der gemeinsamen Vision oder
zusammen. Universitäten als Ausgangspunkte kreativer Felder haben den
Vorteil, dass
- thematisch der Rahmen vorstrukturiert ist (klar definierte Domäne),
- durch die hohe Anzahl der Talente die Wahrscheinlichkeit steigt,
dass sich Themen/Produkte und Personen zusammenfinden und
- Selbstselektionsprozesse (z.B. durch Phasen enger Zusammenarbeit
während Diplomarbeiten) stattfinden, die in größeren Unternehmen
nur mit erheblichem Aufwand an zeitlichen und finanziellen Ressourcen
möglich sind.
Akademische Strukturen erlauben durch die relativ
langfristige (Studium) und zugleich lockere (im Sinne einer zeitlich
befristeteten) Zusammenarbeit ein trial und error-Verfahrens bei der
Selbstselektion. Vergleichbares gilt auch für KMU, wobei hier der
Experimentiermöglichkeit in der Zusammensetzung von Teams engere
finanzielle und zeitliche Grenzen gesetzt sind. Selektionsprozesse sind
in KMU mit hohen Kosten für die u.U. für das Unternehmen nicht mehr
nutzbare Einarbeitung von Mitarbeitern bzw. der Neurekrutierung
verbunden.
Der Begriff des kreativen Feldes steht dem des kreativen
Milieus in der Innovationsforschung sehr nahe, betont aber die
Strukturierungsleistung durch einzelne Talente.
Literatur:
Burow, O.A., Die Individualisierungsfalle. Kreativität gibt es nur im
Plural. Stuttgart 1999.
Burow, O.A. / H. Hinz: Evolutionäres Personal- und
Organisationsentwicklungs-System EOPS. In: QUEM Report Heft 76, Teil II:
Lernen in Weiterbildungseinrichtungen. PE/OE-Konzepte. Hg.: ABWF, Berlin
2003, S. 451 ff.