Kurzbeschreibung des
Projektes
Unter strategischem Wissensmanagement versteht
man eine ganzheitliche bzw. komplexe Organisationsstrategie, die eine langfristige
planvolle Nutzung und (Weiter-) Entwicklung der immer wichtiger werdenden Ressource Wissen
in den Vordergrund stellt. (Siehe
auch Interview
von
Detlev Karg mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Weissbach, Okt. 2000.)Fragen und
Aspekte des Projektes
- Mit welchen Methoden soll Wissen identifiziert,
herausgearbeitet und strukturiert werden?
- Wie sollten Wissensressourcen strategisch
weiterentwickelt und Wissensbestände gepflegt werden?
- Mit welchen Mitteln kann Wissen im Unternehmen
kommuniziert werden?
Wie sollte Wissen mit Außenstehenden, Kunden, Lieferanten und Beratern kommuniziert
werden?
- Was ist der Unterschied zwischen Wissen und
Information und wie kann er in der betrieblichen Praxis beachtet werden?
Interdisziplinarität
Das WIPER-Projekt bemüht sich, Ökonomen
und Informatiker mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Denkansätzen
und Methoden zu konfrontieren. Thomas Kuhn (1970) hat gezeigt, dass die
Schaffung neuen Wissens zu Kommensurabilitätsproblemen führt: Es kommt
dabei auf der Wahrnehmungsebene zu Konflikten zwischen verschiedenen
Paradigmen oder Interpretationsmustern. Auf sprachlicher Ebene bedeutet
das, dass ein Begriff unterschiedliche Dinge bezeichnen kann (man denke
z.B. an die Entwicklung des Kraftbegriffs in der Physik). Auch auf
forschungsstrategischer oder -ethischer Ebene kann es zu derartigen
Inkommensurabilitäten kommen.
Wenn es aber stets solche
inkommensurablen Interpretationsmuster gibt, stellt sich die Frage, wie
der Konflikt zwischen ihnen ausgetragen wird. Bernstein (1992) hebt
hervor, dass die Arbeit mit heterogenen Interpretationsmodellen eine
wesentliche Aufgabe in einer Zeit sich globalisierender Wissenschaft und
Zivilisation ist. Eine spezifischer Beitrag der Sozial- und
Kulturwissenschaften könnte darin bestehen, die lateralen (explorativen,
generativen, nicht hierarchischen) Kompetenzen (de Bono 1970) zu
vermitteln, die erforderlich sind, sich auf das auf das immer schneller
verändernde Wissen einzustellen, bzw. die dafür erforderlichen
Eigenschaften als Prinzip zu vermitteln; ein anderer, ebenso wichtiger
Beitrag besteht in der Bemühung der Sozial- und Kulturwissenschaften um
Konsistenz, wobei permanent unbrauchbare Unterscheidungen und solche, die
zur Ausbildung von Kohärenz dienen, unterschieden werden (Fohrmann 1996).
Die Sozial- und Kulturwissenschaften
verbinden also die Anerkennung des kulturellen Relativismus und der
Kontextabhängigkeit des Wissens mit dem steten Bemühen um die Erzeugung
kohärenter Strukturen bei permanenter Überprüfung und Ausscheidung
unbrauchbarer Strukturierungskriterien. Sie haben damit wichtige
konzeptionelle, methodische und Trainingsfunktionen im Hinblick auf die
Generierung strukturierten Wissens und für das Wissensmanagement
insgesamt.
Projektaktivitäten
Im Rahmen des Projektes WIPER werden Unternehmen bei
der Identifizierung ihrer Wissensbestände sowie bei deren Weiterentwicklung mit Hilfe der
Werkzeuge des Wissensmanagements unterstützt. In einem Unternehmen können personen-,
organisationsbezogene und auch informationstechnische Werkzeuge bzw. darauf gestützte
Strategien miteinander kombiniert werden. Von der Anwendung der Informationstechnik - oder
"Wissenstechnik" - sollten jedoch eher den Mitarbeiter unterstützende als
ersetzende Funktionen erwartet werden.
Wissensmanagement und Informationstechnik
(IT)
Eine Abbildung von - insbesondere begrifflich
faßbarem - Wissen ist unter Einsatz unterschiedlicher Dateiformate und
Verknüpfungstechniken technisch möglich. Als dynamische Vorstufe hierzu kann das
Informationsmanagement angesehen und nutzbar gemacht werden. Voraussetzung hierfür sind
aber präzise Vorstellungen über die zweckgerichtete Filterung und strukturelle
Verteilung von Informationen - zumindest für die Zwecke des Tagesgeschäfts. Diese
Informationen können nach bestimmten Auswahlkriterien in eine langfristig angelegte
Wissensbasis übernommen werden. Aus dieser lassen sich dann später kontextabhängig
Informationen bzw. "Informationscluster" zugänglich machen und wieder in den
Arbeitszusammenhang reintegrieren. Dabei findet eine kontinuierliche Weiterentwicklung und
Anreicherung der Wissensbestände durch den Mitarbeiter statt.
Betriebliche Anwendung und Nutzung
Wissensbasen sind also eher perspektivisch zu
entwickelnde Bestandteile von Informationsmanagementsystemen. Betriebliche
informationstechnische Systeme müssen aber auch kurzfristige Rückmeldungen geben und
Erfolgserlebnisse vermitteln können. Angesichts der oft aufwendigen Implementation von
IT-Systemen sollte in bezug auf das abzusichernde Wissen genau überlegt werden, welche
Wissensbestände strategischer Natur sind und welches Wissen eventuell auch kurzfristig
ersetzt oder beschafft werden kann. Darüber hinaus sollte selbstverständlich Vertrauen
in die Fähigkeit von Mitarbeitern gesetzt werden, aus wenigen aber guten und
gehaltvollen Basisinformationen neues Wissen produzieren zu können. Denn neben
einer gut funktionierenden Informationsinfrastruktur liegt gerade auch hierin die
Möglichkeit, flexibel und kreativ auf rasche Veränderungen der Umwelt reagieren zu
können.
Das WIPER-Projekt bietet an:
- Präsentation von möglichen Konzepten des
Wissensmanagements für kleine und mittlere Unternehmungen;
- Soll-Analyse der betrieblichen Wissensziele;
- Ist-Analyse der betrieblichen Wissensbestände;
- Vorbereitung auf das Wissensmanagement durch
Seminare, Workshops und Arbeitsmaterialien;
- Einsatz von auf das jeweilige Unternehmen
abgestimmten Werkzeugen des Wissensmanagements (basierend auf den "Kritischen
Erfolgs-Faktoren");
- Beratung bei der Entscheidung für
Informationsmanagement-Software;
- Begleitung und Evaluation des weiteren
Implementationsprozesses;
- Bereitstellung eines abschließenden Handbuchs mit
den Projektresultaten und den entwickelten Materialien.
Abstract
Under the impact of quickly changing markets the
strategic management of knowledge ressources and related information systems have become a
productive force in itself.
Strategic knowledge management tools are used to
identify, to develop and to bring together the potentials of employees as well as the
information and knowledge processing of a specific organization. In addition to that it
can be chosen from a variety of corresponding information management tools offered by the
software industry. The selected instruments have to be put into effect and adapted to the
very different information needs within an organization or a firm.
Representing, saving and retrieving information with
the help of various data formats and different methods of linking informations together
can be used as a prestage to the implementation of more sophisticated knowledge bases and
knowledge management systems. However, it should be stressed, that installing appropriate
communication filters or reintegrating information/knowledge into the working context are
left to humans to solve.
The WIPER-project is offering advice, support and
evaluation during the whole process of implementation and application of knowledge
management systems within the organization. A final report of results and developed tools
will be delivered at the projects end.
Förderung durch das Hessische
Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung und durch das
Hochschulsonderprogramm III sowie durch den EU-Sozialfonds.
Fragen
zum Wissensmanagement
Ein Interview von Detlev Karg mit
Prof. Dr. Hans-Jürgen Weissbach, Okt. 2000
Was
kann Wissensmanagement?
Jeder Linienmanager und
Personalverantwortliche versucht heute das Wissen seiner Mitarbeiter zu
managen, sei es mit, sei es ohne Informationstechnik, auch wenn er selbst
gar nicht weiß, dass er Wissensmanagement betreibt. Dazu beigetragen
haben u.a. die Lean Management-Welle mit ihren Frühpensionierungen, dem
Abbau mittlerer Führungsebenen, dem Outsourcing wichtiger Wissenträger,
die steigende Fremdwissensabhängigkeit fast aller Unternehmen und die
Betonung des Shareholder Values, die langfristige Investitionen in
technisches Wissen, ja überhaupt alle Investitionen in Wissen, deren Rückfluss
über einen Zeithorizont von zwei bis drei Jahren hinausgeht, radikal in
Fage stellt.
Es sind also v.a. die Nebenwirkungen
von Managementstrategien in anderen Bereichen, die den aktuellen
Wissensmanagementboom ausgelöst haben. Außerdem gibt es in den
Unternehmen kulturbedingt teils gute, teils schlechtere Voraussetzungen
von Wissensmanagement. Man muss also zunächst eher fragen: was sind
Erfolgsbedingungen wissensbasierter Managementstrategien ganz allgemein,
und dann erst: was kann mit einem guten Wissensmanagement erreicht werden,
wenn es in einem Umfeld implementiert wird, in dem auch die anderen
Bedingungen "stimmen".
Hier seien nur 5 Voraussetzungen
genannt:
- Sensibilität für
unterschiedliche Kulturen, v.a. für verschiedene Wissenskulturen: das
beinhaltet sowohl das Expertenwissen der Stäbe als auch das
Erfahrungswissen des Maschinenbedieners als auch den naiven Blick des
unwissenden Außenseiters, der aber die entscheidenden Fragen stellen
kann, und die Fähigkeit sie zusammen an einen Tisch zu bringen.
- eine hohe Wertschätzung des
Faktor Wissen und seiner Träger, d.h. von authentischen kreativen
Menschen, und diese Wertschätzung sollte ruhig öffentlich gezeigt
werden
- der Übergang vom Belehren zum
Lernen: d.h. der Verzicht darauf, Menschen dauernd ihrer Fehler zu überführen
und sie in einer Atmosphäre braver Planerfüllung abhängig zu halten
von starren Regeln, vom "Sollen", von Prothesen
- Anreize für die Mitarbeiter, das
eigene Wissen preiszugeben und sich zu vernetzen, was sehr schwer zu
erreichen ist, da alle Anreizssysteme in der Gesellschaft eigentlich
darauf abgestellt sind, Wissen individuell für sich zu behalten und
individuell zu nutzen
- die Ergänzung des bisher
dominanten, heute "ausgeknautschten" (Arnecke) analytischen,
spezialistischen, kausalen, linearen, extrapolierenden Denkens, das
uns sicherlich große Erfolge gebracht hat, durch neue Denkweisen,
Organisationsformen und Führungsmethoden
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt
sind bzw. von kreativen Wissensmanagern geschaffen werden, dann kann
Wissensmanagement den drohenden Kreativitätsverlust und die Erstarrung
zentralistischer Systeme verhindern und kann dazu beitragen, dezentrale,
anpassungsfähige, sich selbst verändernde Systeme hervor zu bringen.
Heute setzen die Mitarbeiter ihr immer rascher wachsendes Wissen leider
schon viel zu oft zu privatistischen Optimierungsstrategien ein, sie
richten sich damit langfristig in fachlichen Nischen ein, aus denen man
sie dann mit hohem Aufwand wieder herausholen muss.
Was
kann WM nicht?
Als isolierte Strategie kann WM
nicht veränderungsfeindliche Unternehmenskulturen, die das Lernen
behindern, in toto umkrempeln. Wenn ich einerseits Wissensmanagement
betreibe und zugleich bei jedem Fehler die Köpfe rollen, sind die Mittel
für das Wissensmanagement zum Fenster hinaus geworfen.
Wird
die Diskussion zu techniklastig geführt? Versprechen Softwarefirmen zu
viel?
Eindeutig ja. Wie wir in unserem
Projekt gesehen haben, werden von Betrieben relativ leichtfertig Millionen
oder halbe Millionen für nicht funktionierende oder nicht akzeptierte
Systeme in den Sand gesetzt. So wird oft das sehr mächtige und für
Wissensmanagement zweifellos interessante Lotus Notes nur zu 5 % seines
Funktionsumfangs als teures email-System genutzt. Das ist als wenn ich in
einem Zimmer einen Videorecorder als Zimmeruhr aufstelle.
Wie
lässt sich Mitarbeiterwissen nutzen?
Es ist oft die einzige oder
zumindest die wichtigste oder genaueste Quelle von Informationen über den
Kunden. Schauen sie sich die vorhandenen, schlecht gewarteten Datenbanken
oder die schriftlichen Dokumentationen in den Serviceabteilungen des
Maschinen- und Anlagenbaus an und vergleichen sie diese einmal mit dem
verfügbaren Mitarbeiterwissen. Wenn sie also z.B. vermutliche
Investitionszeitpunkte des Kunden ermitteln wollen, Zeitpunkte, zu denen
er für die Einflüsterungen der Konkurrenz empfänglich ist, oder wenn
sie ihn beraten wollen, ob eine Generalüberholung oder eher ein Ersatz
angesagt ist und wenn sie das verantwortlich machen wollen, dürfen sie
sich kaum auf ihre Dokumentation verlassen, dann müssen sie alle Leute
mit Kundenkontakt bis hin zum Monteur zusammentrommeln, ja manchmal müssen
sie sie aus dem Vorruhestand zurück holen. Das leistet kaum ein IT-System,
sie können damit höchstens eine gute Kommunikationsinfrastruktur
aufbauen.
Wie
funktioniert WM, technisch?
Wir unterscheiden 1. flexibel und
vielseitig nutzbare Infrastrukturen für die Vernetzung des Wissens und
zur Erleichterung der Querkommunikation zwischen verschiedenen Wissensträgern
und zu ihrer Aktivierung. Diese Systeme sollen auch die Auffindbarkeit des
Wissens in einer Organisation erhöhen ("Wenn Siemens wüsste was
Siemens weiß..."), z.B. Intranets mit common workspaces, Yellow
Pages, Wissenslandkarten oder auch email-Systeme mit zusätzlichen
Groupware-Funktionalitäten. Wenn wie bei Siemens allerdings weltweit über
200.000 Menschen im Intranet surfen, kippt der Effekt möglicherweise
wieder um, dann sucht der Mitarbeiter 2 Stunden am Tag nur nach
Informationsquellen.
Daneben finden wir 2. stark
strukturierte Systeme des Typs Workflow, in denen der Mitarbeiter zu
seinen Operationen just in time angestoßen wird, das sog.
transaktionsorientierte Wissensmanagement, wobei jeweils der Berg an
Informationen, die zur Erfüllung der Aufgabe auf einer bestimmten
Funktion und in einem meist recht engen Zeitfenster notwendig sind,
mitgeliefert und entsprechend vorgefiltert wird. Umgekehrt werden die
Ergebnisse seiner Operationen sofort wieder dokumentiert. Solche Systeme
haben wir z.B. im e-CRM und in Call Centers.
3. treffen wir wir
expertenorientierte Systeme mit mächtigen Suchfunktionen
(Spezialdatenbanken für unterschiedlichste Formate, Data Mining), in
denen sich z.B.Konstrukteure CAD-Daten aller möglichen Formate zu einem
Produkt oder Marketingexperten Dokumente vieler Typen über das
Kundenverhalten zusammensuchen können. Hier kommt es auf die Suchtools,
aber auch sehr auf die Findigkeit des Experten an, der aus dem chaotisch
abgelegten Material seine Schlußfolgerungen ziehen kann.
4. haben wir Systeme der zentralen
Informationsversorgung durch Stabsabteilungen , die die in Klassen
eingeteilten Mitarbeiter mit nach Relevanz gefiltertem Material versorgen.
Das ist sozusagen die individualisierte Form der Betriebszeitung, was mit
einem Intranet kombinier werden kann.
5. gibt es die eher
kooperationsunterstützenden Systeme, die das Expertenwissen in Teams
transparent machen, z.B. eben Lotus Notes/Lotus Domino.
Experimentiert wird noch mit vielen
anderen Systemen z.B. der dynamischen Extraktion von Wissen im Zuge der
Ausführung der operativen Routinen. Hier werden "bewährte"
Problemlösungen gespeichert oder Entscheidungsregeln rekonstruiert.
Neuronale Netze und die KI können dabei künftig vielleicht Hilfestellung
leisten.
Was
machen Sie im Wiper-Projekt? Beraten Sie auch?
Wir haben Anwendungserfahrungen von
kleinen und mittleren Unternehmen gesammelt und daraus eine
Beratungsstrategie entwickelt. Eine wichtige Botschaft ist, dass man mit
relativ kostengünstigen Maßnahmen eine Menge tun kann: viele kleine und
mittlere Unternehmen sind einfach nur unterorganisiert hinsichtlich ihrer
Informations- und Wissensflüsse und lerngehemmt. Das ist jedoch selten
nur eine Frage knapper Ressourcen und mangelnder IT-Investitionen, öfter
eine des Führungsstils und der Unternehmenskultur. Dominante
Unternehmerpersönlichkeiten richten die Informationsflüsse oft zu stark
auf ihre Person aus.
Auch künftig wird aber die Fähigkeit,
"papierlos" und freihändig zu arbeiten, eine wichtige Ressource
der kleinen Unternehmen sein, die man nicht zu schnell durch massiven
Softwareeinsatz und Bürokratisierung der Dokumentenverwaltung
"einfrieren" sollte. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass
Workflow-Systeme in Betrieben mit unter 50 Mitarbeitern absolut deplaciert
sind, wenn es sich nicht gerade um ein Call Center handelt. Dieses Wissen
versuchen wir weiter zu geben. In großen Unternehmen ist es eher die
fehlende Fähigkeit zum Schnittstellenmanagement, die nicht primär durch
technische Maßnahmen, sondern durch Organisation und Training verbessert
werden kann. Auch da können wir beraten.
Wann
braucht man KM? Wer braucht es?
Wir haben ca. 15 häufig vorkommende
Standardsituationen in kleinen und mittleren Unternehmen identifiziert,
von der Verarbeitung von Wachstums- und Betriebsgrößensprüngen über
Fusionen mit Konkurrenten, die Nachfolge der Eigentümer-Manager bis hin
zur Ausweitung des Geschäftsfeldes oder zum Komplexitätssprung durch
Einsatz von Hybridtechnologien, die man nicht mehr in jeder Stufe und
Komponente beherrscht. Für diese Situationen haben wir versucht kostengünstige
"minimalistische" Beratungs- und Trainingsstrategien zu
entwickeln oder zu benennen und ggf. beim Softwarekauf zu beraten. Das
konnten wir natürlich nicht alles in der Praxis austesten. Man muss trotz
der Typisierung immer noch unternehmensindividuell vorgehen. Im Notfall
gilt, sich ganz auf den Klienten einzustellen und die Standardtools
wegzulassen. "Drop your tools - or you will die", sagt Karl
Weick, der gesehen hat, wie die kalifornischen Feuerwehrleute im
Buschfeuer an ihrer schweren Ausrüstung zugrunde gehen.
Welche
Rolle spielen Portale und das Internet?
Das Internet spielt vor allem in der
Form des Intranets schon heute in Teilbereichen des Wissensmanagements,
v.a. in großen Unternehmen, eine Rolle, Portale werden für das Handwerk
und für Komponentenhersteller künftig vermutlich ebenfalls eine Rolle
spielen.
Wie
intelligent sind angebotene Systeme?
Intelligenz ist für mich immer noch
an Subjektivät und damit an ein menschliches Substrat gebunden. Im Jahr
2030 können wir uns vielleicht über intelligente Systeme unterhalten.
Dann könnte eine Maschine den Turingtest bestanden haben. Das Problem
besteht heute eher noch darin, dass die Systeme derzeit menschliche
Intelligenz eher von den eigentlichen Problemen ablenken und auf die
technischen Details ziehen. Oder denken sie an internet-gestütztes supply
chain management: Wenn ich alle meine Zulieferteile im Internet kaufe oder
im Auktionsverfahren ersteigere, wird der Blick des technischen Einkaufs,
der ja in Deutschland oft ein enormes know-how besitzt, immer stärker auf
den Preis gelenkt, und irgendwann wird die Unternehmensleitung ihn durch
einen jungen Kaufmann ersetzen. Ob der das dann mit Hilfe der Tools
bringt, ist fraglich.
Gibt
es Ihrer Meinung nach Technologieführer?
Das Problem besteht darin, dass
entweder Systeme mit sehr großem Funktionsumfang und Einarbeitungsaufwand
angeboten werden, den man kaum ohne größere unternehmensspezifische
Modifikationen nutzen kann, oder dass die angebotenen Pakete zwar
interessante Teilfunktionen enthalten, man sie aber nicht alle zugleich
einsetzen kann. Gerade beim Wissensmanagement muss man aufpassen, dass der
Softwareinsatz nicht mehr Zeit frisst als er erspart.
Wie
muss sich der Kunde denn ein solches System vorstellen, vom ungefähren
Aufbau her?
Den großen Wurf gibt es nicht,
vieles beruht auf der geschickten Nutzung und Verknüpfung von bereits
vorhandenen Systemen und Datenbanken, und auch die
Implementationsstrategien sind sehr verschieden. In größeren Unternehmen
der Investitionsgüterindustrie würde ich einen Schwerpunkt setzen auf
den Rückfluss des Kunden- bzw. Anwendungswissens über Kundendienst,
Vertrieb usw. in das Unternehmen, z.B. in die Konstruktionsabteilungen.
Dann muss man sich für Strategien der mehr oder weniger geordneten Ablage
von Dokumenten und für die entsprechenden Such- und Auswertungsstategien
entscheiden (z.B. Date Mining oder Data Warehouse?). In
wissensorientierten und F&E-intensiven Unternehmen ist es oft sinnvoll
mit Wissenslandkarten zu starten, gemischte Teams von jüngeren und älteren
Entwicklern zu bilden - wir nennen das Cognitive apprenticeship - oder
z.B. die Auswertung von wichtigen Fachpublikationen systematisch zu
organisieren. Weiterhin kann man auch versuchen, KVP-Prozesse oder
Aktivierungsstrategien der Mitarbeiter durch Installation von lokalen
Kreisläufen und deren Verzahnung zu unterstützen. Das ist eher etwas für
Großserienfertiger oder große Anbieter von Dienstleistungen, z.B. Großkliniken.
Welche
Schnittstellen zu anderen Systemen sind wichtig?
Erfolgreiches Wissensmanagement lebt
nicht von geschlossenen Systemen. Es ist per se immer
Schnittstellenmanagement. Es ist ja permanent auf das Wissen aus den
verschiedensten Kreisläufen und Informationen aus den verschiedensten
Teilsystemen angewiesen.
Welche
Widerstände gibt es gegen WM?
Jeder, der fürchtet ersetzt zu
werden, kann die Kooperation mehr oder weniger subtil verweigern. Wir
sehen schon heute, z.B. im Außendienst, dass gezielt
"Datenschrott" eingegeben wird, um falsche Fährten zu legen
oder das Wissen um wichtige Kunden für sich zu behalten. Was man braucht
sind also funktionierende Anreizsysteme. Die zu konstruieren ist
allerdings sehr schwierig, man sollte da nicht nur an monetäre Anreize
denken.
Welche
Vision von WM haben Sie?
Das Lernen des einzelnen
Mitarbeiters und vor allem kleiner Teams und selbstständiger Einheiten
sollten im Vordergrund stehen, nicht das umfassende System. Wir können
auf die permanente Steigerung der Komplexität der externen Anforderungen,
auf die zunehmende Fremdwissensabhängigkeit wie auch auf die steigende
Komplexität des in der Organisation verfügbaren Wissens nicht mit immer
komplexeren Tools reagieren. Insofern ist meine Vision eigentlich eine
Anti-Vision, nämlich der Rat: keep it small and simple. Was Visionen
anrichten, dass haben wir am Beispiel CIM gesehen - und wir sehen es jetzt
wieder anhand der Globalisierungsvisionen in Großunternehmen.
letzte Bearbeitung: 20.05.06
|