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Aufgeschnappt und aufgeschrieben
Notizen vom "Move-Kongress 99 - Workflow für das
lernende Unternehmen - Konzepte, Bausteine, Perspektiven"
Der Move-Kongress 99 fand am 3. November im Harenberg City-Center in Dortmund
statt. Er bildete die Abschlußveranstaltung des MOVE-Projekts, an dem das
Fraunhofer ISST, das Fachgebiet Informatik und Gesellschft an der Universität
Dortmund, das Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI) an der Universität
Saarbrücken sowie mehrere Unternehmen zwecks "Verbesserung von
Geschäftsprozessen mit flexiblen Workflow-Management-Systemen" beteiligt
waren. Im folgenden lesen Sie also die Abschrift der Notizen eines
interessierten Besuchers und nicht ein auf
Vollständigkeit abzielendes Protokoll!
Vortrag:
Verbesserung von Geschäftsprozessen mit flexiblen
Workflow-Management-Systemen (Striemer, Fraunhofer ISST)
Folgende Bereiche sind bei der Verbesserung von Geschäftsprozessen mit
flexiblen Workflow-Management-Systemen (WfMS) zentral:
- Organisationsentwicklung,
- technische Gestaltung und
- Mitarbeiterorientierung.
Als die Wf-Systeme ungefähr 1995 verstärkt Einzug in die betriebliche
Praxis hielten, waren die dann auftauchenden Probleme nur teilweise technischer
Art. Gleichwohl versprach man sich einen großen Nutzeffekt durch diese Technik,
die ein "elektronisches Fließband" durch die Büros darstellen
sollte.
Bei der Umsetzung von WfMS ist ein ganzheitliches und systematisches Vorgehen
notwendig und wichtig:
- Erhebung
- Modellierung
- Implementierung
- Anwendung
- flexible Anpassung (flexible Mitarbeiter sollten nicht gebremst werden!)
- Evaluation
- und wieder zu 2. (KVP-ähnlich!)
Im Bereich Mitarbeiterorientierung sind folgende Punkte wichtig bzw. geschehen:
- Es wurde ein prototypischer Beteiligungsfahrplan entwickelt;
- Es wurden Instrumente für "kooperative Erhebungen" entwickelt,
um an das Wissen der Mitarbeiter über die Geschäftsprozesse bzw. für
deren Modellierung zu gelangen;
- Training on the Job;
- Auditing bzw. Verfolgung der Abläufe im System. Dies ist zur Verbesserung
des Systems gut, kann aber auch zur Kontrolle genutzt werden.
Im Bereich Organisationsentwicklung ist wichtig:
- Die Verfeinerung von Modellen;
- Die Anwendung von Feed-back-Verfahren – Stellungnahmen der Mitarbeiter
zum Workflow-Modell, d.h. Einbindung bereits in die Modellierungsphase;
- Die Zielorientierung ist neben der Modellierung gesondert zu behandeln.
Im Bereich technische Gestaltung bzw. Gestaltbarkeit ist wichtig:
- Die Flexibilisierung von Wf-Systemen bedeutet nicht nur
Ablaufflexibilisierung, sondern auch zu fragen, wie man weiteres Wissen
(gemeint: Kontextwissen?) zur Verfügung stellt;
- Nicht alle Geschäftsprozesse sind geeignet;
- Technische Schwierigkeiten entstehen durch Einbindung bestehender Systeme
(Was heißt "risikogetriebene Vorgehensweise" in desem
Zusammenhang?);
- Wf-Prototyping.
Vortrag:
Haas, fischer Holding GmbH & Co. KG
Im Moment wird die hierarchische Firmenorganisation auf eine mehr
prozessorientierte Organisation umgestellt. Im Rahmen des MOVE-Projekts hat man
damit in der Vorkalkulation angefangen. Folgende Ziele wurden dabei verfolgt:
- Transparenz über die Abläufe erhöhen,
- Durchlaufzeiten vermindern,
- Datenqualität erhöhen und
- verstärkt die Parallelisierung von Abläufen betreiben.
Darüberhinaus hat man bei der Umsetzung auch das Lernsystem "KIWI"
aus dem MOVE-Projekt eingesetzt und darüber weitere Verbesserungsvorschläge
von den Mitarbeitern erhalten.
Vortrag:
Krämer, DHL worldwide express GmbH
Entscheidend war das Prototyping beim Wf-Projekt in der Firma. Die Leute aus
der Organisation und die Software-Entwickler haben eng zusammengearbeitet. Das
System muß sehr flexibel sein, da sich die Organisation ständig ändert. Die
Altanwendungen haben Probleme bei der Integration verursacht.
Die gute Vorbereitung – Anforderungen ermitteln und Mitarbeiter überzeugen
– war zentral für das Gelingen. Dabei ist die Zieldefinition auch ein
wichtiger Punkt - lohnt es sich für 150 Mitarbeiter überhaupt?
Eine ganz wichtige Erfahrung im Projekt war: Die Umsetzung in die Praxis muß
möglichst schnell erfolgen, damit das Interesse der Mitarbeiter nicht wieder
absackt. Ein schrittweises Vorgehen ist dennoch angesagt, wegen diverser und
z.T. unvorhersehbarer "Stolpersteine". Trotzdem sollte man beim
Verbessern des WfMS bzw. im "Verbesserungszyklus" nicht zu weit
zurückgehen.
Nach Feststellung der Eignung des Geschäftsprozesses und der geplanten Applikationen
hat man sehr schnell auf den Prototypen zugesteuert. Dieser wurde von 50 Mitarbeitern
getestet. Dabei entwickelten die Mitarbeiter praktische Anregungen und
Forderungen. Nur so war der schnelle Übergang vom Modell in ein einsatzfähiges
System zu bewerkstelligen. Diese frühe und schnelle Konfrontation des Systems
bzw. des Modells mit der Praxis kann nicht wichtig genug genommen werden.
Vortrag:
Schäfer, Leopold Schäfer GmbH Spedition
Die Projektziele waren:
- Transparenzerhöhung bei den Abläufen,
- Bessere Integration der EDV, d.h. "Aufbrechen der bereichsspezifischen
Lösungen" und
- konkret die Abbildung des Palettentransports als
Workflow.
Es wurde eine klassische Vorgehensweise gewählt: Zuerst wurde eine IST-Analyse
durchgeführt und dann die SOLL-Konzeption entwickelt.
Herausgekommen ist ein vorgangsgesteuertes System auf Basis von Lotus Notes.
Nun gibt es zu den einzelnen Vorgängen jeweils die Informationen über die
betreffenden Kundenkontakte bzw. eine "Kundenakte" elektronisch mit
dazu.
Als ein Erfolg des Projektes wird im Haus auch die Entwicklung des
Geschäftsprozessmodells gesehen. Dadurch sind klarere Bezugspunkte für die
Rückmeldungen aus der Belegschaft entstanden.
Vortrag:
Wie die Zukunft das Workflow-Paradigma radikal verändern wird
(Rätsch, Uni Klagenfurt – vorher bei der Firma GSE Systems)
Die Entwicklung geht in Richtung Realtime- bzw. Echtzeit-Wirtschaft –
kennzeichnend dafür ist die "immediacy" bei den Abläufen.
Das Workflow Management System wird sich zunehmend in den "collaborative
Tools" (Instrumente für die computer- und netzwerkgestützte
Zusammenarbeit) auflösen.
Nach dem Gesamtprozess sollen und müssen auch die Subprozesse optimiert
werden. Dadurch wird ein echter Prozess-Workflow immer schwerer realisierbar -
es wird einfach zu komplex. Dazu muß auch immer mehr Interoperabilität
eingeführt und die Integration von anderen IT-Tools in den Workflow betrieben
werden.
Der Ausweg könnte in einer verstärkten Entwicklung von Ad-hoc-Workflow-Systemen
bestehen. In Zukunft könnten auch Avataren (persönliche Stellvertreter)
eingesetzt werden. Diese werden mit Prozesswissen ausgestattet ins Netz
geschickt und "unterhalten" sich dann mit der Person des Anwenders
über das, was jeweils anliegt und zu geschehen hat.
Vortrag:
Beyond Workflow – auf dem Weg zur Informationslogistik (Weber, Fraunhofer ISS)
Folgende Bereiche oder Themenkomplexe sind dabei zu beachten:
- Flexibles Geschäftsprozess-Reengeneering, Continuous Engineering
(IT-Infrastruktur
und Organisation), Prozessmanagement;
- Modelle entwickeln, die Möglichkeiten zur Evaluierung bieten;
- Stark und schwach strukturierte Anteile eines Geschäftsprozesses;
- Die Zerlegung von Geschäftsprozessen in Fraktale und das erneute
Zusammensetzen der Fraktale/Fragmente in vertikaler und horizontaler
Hinsicht;
- Die Dynamik der Geschäftsprozesse - es gibt keine weitreichende
Vorhersagbarkeit in der Praxis, in der sich auch die Ressourcen, z.B. im
Data Warehouse, ständig ändern;
- Eine verstärkte Granulierung der Hierarchien, Abteilungen und Ebenen.
Beim wissensbasierten Geschäftsprozess-Management ist zu sehen, daß
es Wissen nur bei den Leuten im Kopf gibt. Allerdings bekommt man Information
und Metainformation sehr wohl in IT-Systeme hinein. Metainformationen können
als attributive Ergänzungen zu Informationen (Wer, Wo, Wann) eingebracht
werden. Desweiteren benötigt man
- die Informationslogistik - sie verhindert bzw. soll verhindern, daß man
mit veralteten Informationen arbeitet;
- Informationen "just in time";
- personalisierte Informationen im System wegen der "Subscription"
oder dem Abonnement von Informationskanälen;
- insgesamt Content, Communication und Time Management - ein
Kompetenz-Center der Informationslogistik;
- zudem noch abstrakte Beschreibungen der/von Teilprozesse/n, damit sich
einander zunächst unbekannte Prozesse ihre Schnittstellen selbst abgleichen
können.
Vortrag:
Die zukünftige Rolle des Wf-Management beim ganzheitlichen
Geschäftsprozessmanagement (Scheer, Uni Saarbrücken)
Neben dem bekannten 4-Ebenen-Schaubild ist von folgendem die Rede:
- Nach Abbildung der internen Prozesse geht es jetzt um die Abbildung der
Außenbeziehungen der Unternehmen – mit den entsprechenden Auswirkungen
auf die einzelne Organisation und unter verstärkter Einbindung ihrer
ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning);
- Die Prozeßgestaltung wird sich stärker an inhaltlichen Faktoren
orientieren müssen;
- Workflow ist auch heute schon (nur) ein Teil einer Applikation, wandert
aber noch weiter in andere Umgebungen;
- Mächtige ERP-Systeme (s. SAP) werden stärker durch separate
Wf-Komponenten flexibilisiert werden;
- Wf (ein Struktur-Tool) und Groupware werden sich weiter aneinander
annähern;
- Wf und Dokumentenmanagement werden noch enger verzahnt werden;
- "Wissensverarbeitung" wird zum Wf hinzukommen, d.h. Lern- und
Trainingsmodule sowie die Schaffung kleinerer Umgebungen für spezielle
Benutzer(-bedürfnisse).
Vortrag:
Lernendes Workflow durch teilautonome Koordination (Herrmann, Uni Dortmund)
Folgende Punkte wurden dazu u.a. an- und ausgeführt:
- Das Rollenkonzept im Wf ist zu benutzen und zu stärken;
- Man sollte einen möglichst weiten Begriff von Ergonomie in die
Entwicklung von Wf-Systemen einbringen (nicht nur Effizienzgesichtspunkte);
- Die Mitarbeiter sollen an den Entwicklungsprozessen teilnehmen – dazu
wurde ein prototypisches Beteiligungmodell oder –verfahren entwickelt und
modelliert;
- Grundsätzlich steht Wf dem lernenden Unternehmen entgegen – deshalb
sollte der Mitarbeiter in Zukunft selbst seinen "semistrukturierten Wf"
erstellen bzw. implementieren können (s. SeeMe 2000 Modeller von Informatik
und Gesellschaft/Uni Dortmund);
- Groupware allein hat zu wenig Strukturierungsmöglichkeiten;
- Schilderungen der Mitarbeiter sind häufig nicht in sequentielle Abläufe
umzusetzen - allerdings kann man sie unscharf vorstrukturieren oder abbilden
(s. SeeMe 2000 Modeller von Informatik und Gesellschaft/Uni Dortmund);
- Man muß zurück auf die individuelle Ebene, denn Wissensmanagement ist
eine stark individuelle Angelegenheit;
- In Zukunft muß das Individuum modellieren und prozessorientiert denken
können sowie Strukturen selbst entwickeln können – dazu dienen auch die
Visualisierungstools bzw. grafischen Modellierer.
Weitere Informationen zum MOVE-Projekt finden Sie u.a. auf
den folgenden www-Seiten:
____________________
04.11.99, Carsten Lampe (von November '98 bis
Juni '99 Mitarbeiter des WIPER-Projekts an der FH Frankfurt am Main, Fachbereich
Sozial- und Kulturwissenschaften)
letzte Bearbeitung: 22.10.09
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