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Zukunftswerkstatt

von Eva Mola, AIQ e.V. Dortmund (www.aiq.de)

September 2000

Geschichte:

Als ich in den sechziger Jahren in Wien begann, "Zukunftswerkstätten" zu veranstalten, war mein wichtigstes Ziel die Aktivierung der "Basis" durch gemeinsame Kritik am Bestehenden und Entwerfen des Gewünschten in einem zukunftsorientierten Spiel.

Erst nach und nach wurde mir klar, daß ich damit eine "soziale Erfindung" gemacht hatte, indem ich den Begriff der Demokratie ernstnahm und versuchte, dem demos (Volk) die Möglichkeit zu geben, sich intensiver und phantasievoller am politischen Prozess zu beteiligen als das sonst in der repräsentativen Demokratie der Fall ist, hatte ich etwas Neues begonnen, das eigentlich schon viel früher praktiziert hätte werden müssen.

Robert Jungk: Erfahrungen mit "Zukunftswerkstätten".In: Vorwort der dänischen Ausgabe des Buches "Zukunftswerkstätten" von R. Jungk und Norbert R. Müllert. Kopenhagen 1984.

Die Ideeder Zukunftswerkstatt wurde in den sechziger Jahren von Robert Jungk entwickelt, mit dem Ziel, möglichst viele Menschen an der Zukunft mitgestalten zu lassen. Grundlage der Idee war das Vertrauen auf die in den Menschen schlummernden Kräfte, die eigene Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, wenn ihnen nur die Gelegenheit dazu geboten wird.

In den siebziger Jahren wurde sie entsprechend ihrem politischen Anspruch von Initiativen, Gruppen, Vereinen sowie Schulklassen stark nachgefragt und im Zuge der Anwendung methodisch ausgeformt und sie erhielt mit der Dreiphasigkeit den für sie heute typischen Verlauf.

Die achziger Jahre sind die Zeit ihrer Verbreitung. Als anerkannte Problem-lösemethode gewann sie an Bedeutung und wurde in immer mehr Bereichen und Problemfeldern angewandt. Mit der Verbreitung der Zukunftswerkstätten verwischte das ursprüngliche Anliegen, die Demokratisierung von unten zu fördern. Es schwingt zwar weiterhin mit, da das Vorgehen an sich befreit und ermutigt und das Selbstwertgefühl stärkt, doch es verlor an Dominanz. Die Zukunftswerkstatt wurde zu einer Methode unter anderen.

In den neunziger Jahren erfuhr die Methode ihren Durchbruch. Sie erzielte einen großen Bekanntheitsgrad und wurde für Studien, Programme und in Planungsverfahren nachgefragt. Das Interesse kam aus allen Bereichen. Auch aus den Unternehmen, die zunehmend beginnen, die Mitarbeiter/innen zur Bewältigung der Anforderungen turbulenter Märkte schon bei der Lösungsentwicklung mit einzubeziehen.

Definition: Zukunftswerkstätten sind ein vielfältiges Verfahren. Sie können beschrieben werden als ein soziales Problemlöseverfahren, als ein zielgerichtetes Vorgehen, als ein methodisch kreatives Arbeiten mit Gruppen und als ein offener Prozess, der von den Teilnehmern/innen inhaltlich bestimmt und im Fortgang ausgefüllt wird.

Verfahren: Damit gruppenorientiert Probleme gelöst oder zukunftsweisend Anliegen bewältigt werden können, sind drei Phasen nacheinander zu durchlaufen.

Die erste Phase heißt Kritikphase, ihr Ziel ist es, das Anliegen durch eine kritische Aufarbeitung des interessierenden Problems und freie unzensierte Kritik zu klären. Ihr folgt die Utopiephase. Hier geht es um die Entwicklung eines Wunschhorizonts. Dazu ist es notwendig, einen Stimmungswechsel zu erreichen und ein Idealbild zu entwerfen. Das Ziel der anschließenden Realisierungs-phase ist, konkrete Handlungspläne zu entwickeln, dadurch, daß aus der Utopie Aspekte gelöst und zu Projekten verdichtet werden.

Durch das zeitweise Phantasieren soll von der Realität abgehoben werden, so dass wünschbare Alternativen und Lösungen auf einem neuen Niveau entstehen.

Betriebliche Einsatzmöglichkeiten:

Das Gelingen betrieblicher Veränderungen hängt zum großen Teil davon ab, wie es gelingt, die Unterstützung der betroffenen Mitarbeiter/innen zu gewinnen. Denn oft scheitern Veränderungen an Widerständen und Routinen und daran, daß Phasen der Ideenlosigkeit nicht überwunden werden können. Dann kann die Zukunftswerkstatt als soziales Problemlöseverfahren eine gemeinsame Lösungserarbeitung unterstützen. Die Beteiligung der Betroffenen und das spezielle Verfahren der Zukunftswerkstatt unterstützen die Entwicklung neuartiger Lösungen mit innovativer Kraft.

Durch ihre Dreiphasigkeit sind Zukunftswerkstätten ein Verfahren, das flexibel an die jeweiligen Bedürfnisse angepaßt werden kann.

Sie können sowohl wenige Stunden dauern und zur Einführung in eine Thematik oder zur Überwindung von Routinen eingesetzt werden. Im Falle der Problemanalyse, einer Konzept- oder Projektentwicklung und bei der Überwindung festgefahrener Situationen und Ideenlosigkeit ist ein größerer Zeitaufwand (bis zu drei Tagen) einzuplanen. Es gibt auch permanente Werkstätten, die Veränderungsprozesse begleiten, diese können bis zu einem Jahr dauern.

Der Nutzen für den Betrieb liegt in der Gemeinschaftsorientierung der Zukunftswerkstatt, der sie einen höheren Stellenwert gibt als dem Individualnutzen. Weiterhin ist das Verfahren gut geeignet, in Veränderungsprozessen Routinen zu durchbrechen und mit Einfallsreichtum Phasen der Ideenlosigkeit zu überwinden. Zukunftswerkstätten fördern die Beteiligung, Kommunikation und Motivation und erbringen konkrete Vorhaben mit gutem Realisierungserfolg. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt, mit seinen Fähigkeiten, seinem Wissen und mit seinem Gefühl.

Dies setzt der Zukunftswerkstatt zugleich Grenzen; im betrieblichen Einsatz löst sie Widersprüche aus zwischen Vertrautheit, körperlicher Nähe und betrieblicher Funktionalität. Weitere Grenzen der Zukunftswerkstatt ergeben sich beim Transfer und der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Die Lösungen der Zukunftswerkstatt sind von den Teilnehmer/innen in einem Prozeß erarbeitet worden, der so wahrscheinlich nicht wieder herzustellen ist. Dabei hat das Erleben in der Gruppe wesentlich das Ergebnis bestimmt. Nichtbeteiligte können die Begeisterung der Gruppe für ihre Leistung nicht immer unmittelbar teilen; nicht immer ist ihnen eine Vermittlung der innovativen Neuerung möglich. Auch wird in der Zukunftswerkstatt mit Betroffenen gearbeitet. Dabei sind nicht immer die betrieblichen Experten anwesend, die zur Klärung von Fragestellung bzw. zur Bewertung von Lösungen gebraucht würden. Dies kann dann dazu führen, daß Lösungen als nicht machbar zurück gestellt werden müssen. Nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Dauer der Zukunftswerkstätten - ansonsten ein wenig kostenintensives Verfahren - zu hohen Personalkosten führen kann. Gleichzeitig ist auch darauf hinzuweisen, daß diese Probleme durch die Gestaltung der Zukunftswerkstatt entsprechend behandelt werden können. Wichtig jedoch ist ein klarer Auftrag.

Nachfolgend dargestellte Zukunftswerkstatt fand im Rahmen einer Prozessbegleiterqualifizierung statt. Ziel war es, Themen für betriebliche Veränderungsprojekte zu gewinnen.

Literatur:

Jungk, Robert / Müllert R. Norbert: Zukunftswerkstätten, mit Phantasie gegen Routine und Resignation, Hamburg 1989.

Kuhnt, Beate / Müllert R. Norbert: Moderationsfibel, Zukunftswerkstätten verstehen, anleiten, einsetzen, Praxisbuch zur Sozialen Problemlösemethode Zukunftwerkstatt, Münster 1997 (im wesentlichen Quelle der Ausführungen)

letzte Bearbeitung: 22.10.09