| Als ich in den
sechziger Jahren in Wien begann, "Zukunftswerkstätten"
zu veranstalten, war mein wichtigstes
Ziel die Aktivierung der "Basis" durch gemeinsame Kritik
am Bestehenden und Entwerfen des Gewünschten
in einem zukunftsorientierten Spiel.
Erst nach und nach wurde mir klar, daß ich
damit eine "soziale Erfindung" gemacht hatte, indem
ich den Begriff der Demokratie ernstnahm und versuchte,
dem demos (Volk) die Möglichkeit zu geben, sich intensiver und
phantasievoller am politischen Prozess zu
beteiligen als das sonst in der
repräsentativen Demokratie der Fall ist, hatte
ich etwas Neues begonnen, das eigentlich schon
viel früher praktiziert hätte werden
müssen.
Robert Jungk: Erfahrungen mit "Zukunftswerkstätten".In:
Vorwort der dänischen Ausgabe des Buches
"Zukunftswerkstätten" von R. Jungk und Norbert R.
Müllert. Kopenhagen 1984. |
Die Ideeder Zukunftswerkstatt wurde in den sechziger
Jahren von Robert Jungk entwickelt, mit dem Ziel, möglichst viele
Menschen an der Zukunft mitgestalten zu lassen. Grundlage der Idee war das
Vertrauen auf die in den Menschen schlummernden Kräfte, die eigene
Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, wenn ihnen nur die
Gelegenheit dazu geboten wird.
In den siebziger Jahren wurde sie entsprechend
ihrem politischen Anspruch von Initiativen, Gruppen, Vereinen sowie
Schulklassen stark nachgefragt und im Zuge der Anwendung methodisch
ausgeformt und sie erhielt mit der Dreiphasigkeit den für sie heute
typischen Verlauf.
Die achziger Jahre sind die Zeit ihrer
Verbreitung. Als anerkannte Problem-lösemethode gewann sie an Bedeutung
und wurde in immer mehr Bereichen und Problemfeldern angewandt. Mit der
Verbreitung der Zukunftswerkstätten verwischte das ursprüngliche
Anliegen, die Demokratisierung von unten zu fördern. Es schwingt zwar
weiterhin mit, da das Vorgehen an sich befreit und ermutigt und das
Selbstwertgefühl stärkt, doch es verlor an Dominanz. Die
Zukunftswerkstatt wurde zu einer Methode unter anderen.
In
den neunziger Jahren erfuhr die Methode ihren Durchbruch. Sie
erzielte einen großen Bekanntheitsgrad und wurde für Studien, Programme
und in Planungsverfahren nachgefragt. Das Interesse kam aus allen
Bereichen. Auch aus den Unternehmen, die zunehmend beginnen, die
Mitarbeiter/innen zur Bewältigung der Anforderungen turbulenter Märkte
schon bei der Lösungsentwicklung mit einzubeziehen.
Definition: Zukunftswerkstätten sind ein
vielfältiges Verfahren. Sie können beschrieben werden als ein soziales
Problemlöseverfahren, als ein zielgerichtetes Vorgehen, als ein
methodisch kreatives Arbeiten mit Gruppen und als ein offener Prozess, der
von den Teilnehmern/innen inhaltlich bestimmt und im Fortgang ausgefüllt
wird.
Verfahren: Damit gruppenorientiert Probleme gelöst
oder zukunftsweisend Anliegen bewältigt werden können, sind drei Phasen
nacheinander zu durchlaufen.
Die erste Phase heißt Kritikphase, ihr Ziel ist es,
das Anliegen durch eine kritische Aufarbeitung des interessierenden
Problems und freie unzensierte Kritik zu klären. Ihr folgt die
Utopiephase. Hier geht es um
die
Entwicklung eines Wunschhorizonts. Dazu ist es notwendig, einen
Stimmungswechsel zu erreichen und ein Idealbild zu entwerfen. Das Ziel der
anschließenden Realisierungs-phase ist, konkrete Handlungspläne zu
entwickeln, dadurch, daß aus der Utopie Aspekte gelöst und zu Projekten
verdichtet werden.
Durch das zeitweise Phantasieren soll von der Realität
abgehoben werden, so dass wünschbare Alternativen und Lösungen auf einem
neuen Niveau entstehen.
Betriebliche Einsatzmöglichkeiten:
Das Gelingen betrieblicher Veränderungen hängt zum
großen Teil davon ab, wie es gelingt, die Unterstützung der betroffenen
Mitarbeiter/innen zu gewinnen. Denn oft scheitern Veränderungen an
Widerständen und Routinen und daran, daß Phasen der Ideenlosigkeit nicht
überwunden werden können. Dann kann die Zukunftswerkstatt als soziales
Problemlöseverfahren eine gemeinsame Lösungserarbeitung unterstützen.
Die Beteiligung der Betroffenen und das spezielle Verfahren der
Zukunftswerkstatt unterstützen die Entwicklung neuartiger Lösungen mit
innovativer Kraft.
Durch
ihre Dreiphasigkeit sind Zukunftswerkstätten ein Verfahren, das flexibel
an die jeweiligen Bedürfnisse angepaßt werden kann.
Sie können sowohl wenige Stunden dauern und zur
Einführung in eine Thematik oder zur Überwindung von Routinen eingesetzt
werden. Im Falle der Problemanalyse, einer Konzept- oder
Projektentwicklung und bei der Überwindung festgefahrener Situationen und
Ideenlosigkeit ist ein größerer Zeitaufwand (bis zu drei Tagen)
einzuplanen. Es gibt auch permanente Werkstätten, die
Veränderungsprozesse begleiten, diese können bis zu einem Jahr dauern.
Der Nutzen für den Betrieb liegt in der
Gemeinschaftsorientierung der Zukunftswerkstatt, der sie einen höheren
Stellenwert gibt als dem Individualnutzen. Weiterhin ist das Verfahren gut
geeignet, in Veränderungsprozessen Routinen zu durchbrechen und mit
Einfallsreichtum Phasen der Ideenlosigkeit zu überwinden.
Zukunftswerkstätten fördern die Beteiligung, Kommunikation und
Motivation und erbringen konkrete Vorhaben mit gutem Realisierungserfolg.
Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt, mit seinen Fähigkeiten, seinem
Wissen und mit seinem Gefühl.
Dies setzt der Zukunftswerkstatt zugleich Grenzen; im
betrieblichen Einsatz löst sie Widersprüche aus zwischen Vertrautheit,
körperlicher Nähe und betrieblicher Funktionalität. Weitere Grenzen der
Zukunftswerkstatt ergeben sich beim Transfer und der Reproduzierbarkeit
der Ergebnisse. Die Lösungen der Zukunftswerkstatt sind von den
Teilnehmer/innen in einem Prozeß erarbeitet worden, der so wahrscheinlich
nicht wieder herzustellen ist. Dabei hat das Erleben in der Gruppe
wesentlich das Ergebnis bestimmt. Nichtbeteiligte können die Begeisterung
der Gruppe für ihre Leistung nicht immer unmittelbar teilen; nicht immer
ist ihnen eine Vermittlung der innovativen Neuerung möglich. Auch wird in
der Zukunftswerkstatt mit Betroffenen gearbeitet. Dabei sind nicht immer
die betrieblichen Experten anwesend, die zur Klärung von Fragestellung
bzw. zur Bewertung von Lösungen gebraucht würden. Dies kann dann dazu
führen, daß Lösungen als nicht machbar zurück gestellt werden müssen.
Nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Dauer der Zukunftswerkstätten -
ansonsten ein wenig kostenintensives Verfahren - zu hohen Personalkosten
führen kann. Gleichzeitig ist auch darauf hinzuweisen, daß diese
Probleme durch die Gestaltung der Zukunftswerkstatt entsprechend behandelt
werden können. Wichtig jedoch ist ein klarer Auftrag.
Nachfolgend dargestellte Zukunftswerkstatt fand im
Rahmen einer Prozessbegleiterqualifizierung statt. Ziel war es, Themen
für betriebliche Veränderungsprojekte zu gewinnen.

Literatur:
Jungk, Robert / Müllert R. Norbert:
Zukunftswerkstätten, mit Phantasie gegen Routine und Resignation, Hamburg
1989.
Kuhnt, Beate / Müllert R. Norbert: Moderationsfibel,
Zukunftswerkstätten verstehen, anleiten, einsetzen, Praxisbuch zur
Sozialen Problemlösemethode Zukunftwerkstatt, Münster 1997 (im
wesentlichen Quelle der Ausführungen)
letzte Bearbeitung: 20.05.06