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Der Wissenszyklus - vom individuellen Wissen zur
kollektiven Wissensbasis
Frauke Marwehe (Institut für Soziologie der
Joh.-Gutenberg-Universität Mainz)
Hans-Jürgen Weißbach (Fachhochschule Frankfurt am Main)
April 2000
Inhaltsübersicht
1. Wissenszyklen im Unternehmen
2. Der einfache Wissenskreislauf
2.1 Die Bedeutung von Wissenszielen und Wissensselektion
2.2 Wie Wissen im Unternehmen entsteht oder ins Unternehmen gelangt
2.3 Wie Wissen verteilt und aktiv genutzt wird
2.4 Die Speicherung des Wissens
2.5 Der Schutz des Wissensbestands
2.6 Wissen wandelt sich
3. Das Unternehmen als wissensbasiertes
System
4. Der erweiterte Wissenskreislauf im
Unternehmen
4.1 Die Bedeutung individuellen Wissens
4.2 Die Umwandlung in kollektives Wissen
4.3 Wie mit Wissen im Unternehmen umgegangen wird
5. Wissensmanagement als Voraussetzung
für Wissensmarketing
Literatur
1. Wissenszyklen im Unternehmen
Die Anforderungen des globalen Wettbewerbs machen einen permanenten
Wissensaustausch und den bewussten Umgang mit unternehmerischen
Wissensbeständen immer wichtiger. Dies gilt besonders für Länder, in
denen die Grenzen preisbezogener Unternehmensstrategien immer deutlicher
werden (vgl. Pawlowsky 1998, S. 10). Deutschland kann aufgrund hoher
Aufwendungen für das soziale Sicherungssystem keinen Preiskampf mit
sogenannten Billiglohnländern aufnehmen. Es muss seinen Konkurrenzvorteil
aus der professionellen Nutzung von Wissen, Know-how und Humanressourcen
ziehen. Die Voraussetzung hierfür sind Kenntnisse darüber, was
wettbewerbsrelevantes Wissen ist, wie Wissen im Unternehmen verteilt ist,
wie es entsteht und wie es gemanagt werden kann.
Wissen ist von Daten und Informationen zu unterscheiden (vgl. Willke
1998, S. 7 ff.). Daten sind Beobachtungen, die durch die Wahrnehmung und
kognitive Rahmung durch den Beobachter für diesen überhaupt erst
existent werden. Sie werden in Zahlen, Sprache oder in Bildern codiert.
Werden diese Daten in einen Kontext von Relevanzen eingebettet, kann von
Informationen gesprochen werden. Einem Maschinenbauunternehmen sind
vielleicht die Daten darüber zugänglich, wie die Photosynthese von
Pflanzen funktioniert. Diese Daten sind aber für den Maschinenbau völlig
irrelevant. Es sind in diesem Kontext keine (relevanten) Informationen.
Der Kontext bestimmt also darüber, ob bestimmte Daten Informationen
sind und welchen "Wert" sie haben. Zu Wissen werden
Informationen erst, wenn sie in Erfahrungskontexte eingebaut werden
können, die sich im Laufe der individuellen Biografien oder der
Unternehmensgeschichte als wichtig erwiesen haben. Wissen ist dann
entstanden, wenn sich Informationen als notwendiger Bestandteil des
Produktionsprozesses herausstellen, wenn sie bereits vorhandene
Erfahrungen (sei es über Produkte, Herstellungsverfahren oder
Kommunikationsstrukturen) ergänzen oder ersetzen.
Wissen ist kein statisches, unveränderliches menschliches Produkt.
Wissen entwickelt sich kontinuierlich weiter. Das im Unternehmen
potentiell verfügbare Wissen, das individuell angeeignete Wissen und das
dem Unternehmen zur Verfügung stehende Wissen befinden sich in einem
ständigen Wandlungsprozess. Die Betrachtung von Wissensbeständen kann
immer nur eine Momentaufnahme sein. Daher ist es wichtig, die Dynamik des
Wissens zu erfassen.
Wissen zirkuliert in verschiedenen Kreisläufen. Einerseits ist zu
klären, wie ein bestimmter Wissenskomplex sich im Zeitverlauf verhält,
also wie er entsteht, wie er in der Unternehmung verwendet wird und wie
mit ihm umgegangen wird, wenn das Wissen veraltet ist. Mit diesem
Kreislauf ist eine zweite Perspektive eng verbunden. Sie hebt das
Zusammenspiel von individuellem Wissen und kollektivem Wissen hervor. Sie
verdeutlicht, dass die Dynamik des Wissens auch zu einer Dynamik der
Organisation führt.
Diese zwei Wissenszyklen sind aufeinander bezogen. Sowohl auf
individueller Ebene als auch auf Unternehmensebene entsteht Wissen. Die
individuelle und die kollektive Wissensbasis sind voneinander verschieden.
Das Individuum weiß nicht alles, was das Unternehmen "weiß".
Umgekehrt verfügen Individuen über Kenntnisse, die dem Unternehmen
unbekannt sind (z. B. in der täglichen Arbeitspraxis erworbenes
Erfahrungswissen). Der Wandel des einmal erlernten Wissens erfolgt auf
individueller und kollektiver Ebene auf unterschiedliche Weise und in
unterschiedlichen Lernformen.
Für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens sind Elemente des
Wissenskreislaufes wie z.B. die Verwendung, Verwertung und Vermarktung von
Wissen besonders wichtig. Hierbei spielt die kollektive Ebene des Wissens
eine herausragende Rolle. Nur kollektives Wissen kann erfolgreich
vermarktet werden. Mit individuellen Wissensbeständen, die nur
personengebunden oder in impliziter Form existieren, kann ein Unternehmen
nicht langfristig planen. Die Marktposition eines Unternehmens wird
langfristig durch die kollektiven Wissensbestände bestimmt. Kenntnisse
darüber, wie individuelles Wissen in kollektives Wissen überführt
werden kann, sind daher sehr bedeutsam.
Die Pflege des kollektiven Wissensbestandes ist die Aufgabe des
Wissensmanagements. Es wird damit zu einem zentralen Instrument, die
Vitalität eines Unternehmens zu erhalten und damit dessen Marktposition
zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Allerdings sind auch die
Schwierigkeiten der Kollektivierung von individuellem Wissen nicht zu
vernachlässigen.
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2. Der einfache Wissenskreislauf
Der einfache Wissenskreislauf ist ein deskriptives Modell zur
Beschreibung der Phasen und Funktionen der Wissensproduktion, d.h. die
Prozesse beim Umgang mit einmal erworbenem Wissen von der
Wissensproduktion bis zu Wissensnutzung. Es handelt sich hierbei um eine
analytische Gliederung ähnlich wie die der Phasen des Projektmangements.
Ziel ist es, sich einen Überblick über die wichtigsten Funktionen des
Wissensmanagements im Unternehmen zu verschaffen – von Auswahl und
Erwerb des Wissens über seine Speicherung und Nutzung bis zur
erfolgreichen Vermarktung, zum Controlling und zum Schutz.
Die zentrale Frage ist zunächst, wie überhaupt Wissen in die
Unternehmung hineinkommt, verarbeitet wird und wie man sich damit
auseinander setzt, um strategischen Nutzen daraus ziehen zu können. Bei
dieser Betrachtungsweise wird zunächst verfolgt, in welchen Phasen das
Wissen in der Unternehmung typischer Weise genutzt wird. Die Überführung
von individuellem in kollektives Wissen wird noch nicht problematisiert.
2.1 Die Bedeutung von Wissenszielen und Wissensselektion
Dem Zufall allein darf Wissensentstehung nicht überlassen werden.
Gerade im unternehmerischen Zusammenhang wird Wissen stets in Hinblick auf
bestimmte Ziele hin entwickelt. Am Anfang der unternehmerischen
Wissensproduktion steht somit das in einem bestimmten Kontext auf ein
bestimmtes Ziel hin lernende Individuum. Wissen lässt sich aber nicht
ausschließlich geplant oder gesteuert erzeugen. Ein ganz wesentliches
Element der Wissenserzeugung bzw. -entstehung ist Spontaneität und
Kreativität. Hierfür müssen in der Unternehmung Freiräume bestehen.
Bevor der Erwerb neuen Wissens angestrebt werden kann, muss das bereits
intern verfügbare und das extern vorhandene Wissen ermittelt werden.
Schon hierbei scheitern viele Unternehmen: Sie haben keinen Überblick
über ihre (latenten) Wissensbestände. Redundanzen, aber oft auch
Ignoranz gegenüber lokal vorhandenem Wissen sind wohl unvermeidlich. Die
Unkenntnis des Managements führt jedoch nicht selten zu Verärgerungen
und Blockadehaltungen bei den Mitarbeitern, weil "die uns ohnehin
nicht ernst nehmen". Auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)
ist es wichtig, sich über ihre Kompetenzen und Wissensbestände klar zu
werden. Denn bei ihnen ist Wissen oft eng mit wenigen Trägern verbunden
(vgl. Bullinger u.a. 1997, S. 21). KMU-typische Weiterbildungsbarrieren
führen schnell zu Wissensdefiziten (vgl. Pawlowsky u.a. 1998);
Veränderungen von Wissensbeständen verlaufen nicht ohne Erschütterung,
und auch das Risiko von Wissensverlusten ist in KMU besonders groß.
Nach der Bestandsaufnahme des im Unternehmen vorhandenen Wissens
erfolgt eine Definition von Wissenszielen. Im Unternehmen soll der Erwerb
und die Speicherung von Wissen schließlich zielgerichtet erfolgen (vgl.
Bullinger u.a. 1997, S. 25). Der Bedarf zukünftigen Wissens und die
Bewertung des vorhandenen Wissens richten sich somit an Wissenszielen aus.
Aus der Überfülle an Datenangeboten und Informationen muss daher eine
Selektion vorgenommen werden (vgl. Hubig 1997). Die Komplexität der
Umwelt wird durch die Selektion reduziert. Nur relevante Daten (d.h.:
Informationen!), die tatsächlich für das Unternehmen und seinen Bestand
von Bedeutung sind, können durch Interpretation in das kontextbezogene
Wissen integriert werden. Nur solchermaßen selegierte Informationen haben
eine Chance, einmal zum Wissensbestand der Unternehmung zu gehören. Die
Durchführung der Selektionen sollte möglichst rational erfolgen. Nur
dann ist gewährleistet, dass die Reduktion der Komplexität der Umwelt
einem bestimmten gleichartigen Schema folgt. Allerdings hat jedes
derartige Schema auch seine Risiken: Es hinterlässt oder erzeugt blinde
Flecken. Dem entsprechend sollten die Schemata systematisch variiert bzw.
rotiert werden. Auch darf nicht zu viel Komplexität
"ausgefiltert" werden, weil dies zu Lösungen führt, die der
externen Komplexität nicht gerecht werden, z.B. zu schlichten
"Rezeptlösungen" (vgl. Berger 2000). Schließlich ist
"gute", bewältigbare, als Herausforderung anzunehmende von
"schlechter", nicht bewältigbarer Komplexität zu
unterscheiden.
Welche Arten von "Wissenszielen" kann sich nun eine
Organisation setzen? Einerseits müssen Fähigkeiten erworben werden, die
dem Aufbau einer "wissensbewussten" Unternehmenskultur dienen
und das Verteilen und die Entwicklung von individuellem Wissen im
Unternehmen unterstützen (normative Wissensziele, z.B.:
"Belohnung" von Weiterbildung, Hochachtung von Wissensträgern,
Förderung der Orientierung an neuen und aktuellen Daten usw.).
Andererseits geht es um die Definition organisationalen
"Kernwissens", also um den zukünftigen Kompetenzbedarf des
Unternehmens (strategische Wissensziele, z.B. Was werden unsere
Kernkompetenzen in 10 Jahren sein?) und um konkrete Umsetzungsmaßnahmen
und Tools des Wissensmanagements (operative Wissensziele, z.B. Erstellung
einer Wissenslandkarte).
2.2 Wie Wissen im Unternehmen entsteht oder ins Unternehmen gelangt
Wissen gelangt auf zwei Wegen in die Unternehmung. Entweder durch
interne Wissensentwicklung auf der Grundlage des vorhandenen
Wissensbestands der Organisation oder durch Akquise, d.h. den Einkauf
externen Wissens. Dieser Zukauf ist in dem Maße immer häufiger und
zwingender geworden, in dem sich das Wissen vom Produktionsprozess
abgespalten und verselbstständigt hat. Dieser Prozess der Emanzipation
des Wissens von der Produktion, seiner organisatorischen Herauslösung,
der mit der Auslagerung von DV-Tätigkeiten in den 80er Jahren begonnen
hat, ist eine wichtige Grundlage der "new economy" (vgl.
Weißbach 1999).
Natürlich wird auch weiterhin Erfahrungswissen kumuliert, und auch aus
Fehlern wird gelernt. Jedoch ist der Informationstransfer aus der
Organisation hinaus und in die Organisation hinein so angestiegen, dass
Lernprozesse kaum noch autonom innerhalb des Unternehmens laufen. Externe
Aus- und Weiterbildung, Hochschulen, Berater, Medien usw. spielen eine
zunehmende Rolle, und auch aus Fehlern anderer kann man lernen, ohne sie
selbst wiederholen zu müssen.
Nur wenige Wissensbestände werden also heute noch autonom innerhalb
eines Unternehmens entwickelt. Viel häufiger werden Kompetenzen und
Wissen auf verschiedenen Wissensmärkten erworben. Hierzu werden
Unternehmensübernahmen oder strategische Allianzen mit innovativen
Unternehmen in der eigenen Branche ebenso gerechnet wie der Wissenserwerb
von Personen (Rekrutierung von Experten) oder Interessengruppen im Umfeld
der Organisation (Befragung der stakeholder). So können zur Akquise des
Wissens der eigenen Kundschaft "Schlüsselkunden in den
Entwicklungsprozess involviert werden oder Kooperationen in Pilotprojekten
eingegangen werden. Dies ermöglicht das frühzeitige Lernen und
Berücksichtigen der Kundenbedürfnisse." (Bullinger u.a. 1997, S.
27)
Eine Hilfestellung für die Wissensproduktion kann die
Informationstechnik (IT) sein. Sie kann vor allem Routineaufgaben
übernehmen. Die menschliche, quantitativ eng begrenzte
Informationsverarbeitungsfähigkeit wird entlastet,
Kreativitätspotentiale werden frei. Der Zugriff auf die technische
Wissensbasis der Unternehmung (Intranet, Wissenskarten) schafft
Transparenz und rationalisiert die Wissensentstehung: Es kann verhindert
werden, dass das Rad zweimal erfunden wird oder wichtiges Wissen verloren
geht.
Die IT kann auch mitwirken bei der Verwandlung impliziter individueller
in explizite kollektive Wissensbestände. Das beginnt bei der Speicherung
von Arbeits- und Verfahrensanweisungen und geht über Instrumente der
Visualisierung bis hin zu Data Warehouse–Konzepten.
Ersetzen kann Informationstechnik das Wissensmanagement jedoch nicht.
Es müssen Randbedingungen (Anreizsysteme, Unternehmenskultur) geschaffen
werden, die die Mitarbeiter motivieren, ihr Wissen anderen Personen
mitzuteilen. Diese Randbedingungen steuern die Möglichkeiten des
Wissenserwerbs.
2.3 Wie Wissen verteilt und aktiv genutzt wird
Voraussetzung für die effiziente Nutzung des in einem Unternehmen
vorhandenen Wissens sind die Verteilung von Erfahrungen und die
Zusammenführung isolierter Informationen. Das bedeutet nicht, dass jeder
alles wissen soll oder muss. Aber jeder Mitarbeiter sollte die
Möglichkeit haben, auf das Wissen der anderen zurückgreifen zu können.
Es muss bekannt sein, wer was in welchem Umfang wissen oder können
sollte.
Die systematische Verteilung von Wissen ist vor allem deswegen
schwierig, weil im Grunde vorab bekannt sein müsste, welches Wissen von
wem, wo, wann und in welcher Situation gebraucht wird. Eine solche
inhaltliche Gestaltung der Wissensverteilung ist unmöglich, weil die
Wissensprozesse selten vorhersehbar sind (Pawlowsky 1998, S. 26).
Ausnahmen bilden hochgradig routinisierte Tätigkeiten
("transaktionsorientiertes" Wissensmanagement, in dem bei jeder
Transaktion – z.B. Kundenanruf – die entsprechenden Daten automatisch
bereit gestellt werden). In den meisten Fällen – insbesondere bei
Nicht-Routine-Tätigkeiten - kann die Aufgabe des Unternehmens nur darin
bestehen, dass die infrastrukturellen und sozialen Voraussetzungen für
einen erfolgreichen Austausch bzw. für eine Beschaffung des Wissens
gegeben sind. Sowohl der Aufbau von Wissensdatenbanken wie auch die Pflege
offener, vertrauensvoller Kommunikation fördern die Vernetzung des
Wissens Einzelner.
Versorgung mit Wissen und Informationen bedeutet also meist: Schaffung
neuer Verknüpfungsmöglichkeiten und die Bereitstellung von
Entscheidungshilfen. Experten werden mit gezielter Wissensversorgung auf
Spezialgebieten unterstützt. Nicht-Experten bekommen aufbereitete
Informationen, die ihnen Entscheidungen erleichtern oder sekundär für
ihre Aufgaben notwendig sind. Informationsbedarfe innerhalb von
Arbeitszusammenhängen werden durch die gezielte Wissensversorgung von
Teams gedeckt.
Das bereitgestellte Wissen dient also verschiedenen Aufgaben:
- der Entscheidungsfindung von Nicht-Experten
- der Unterstützung von Experten (Spezialistenwissen)
- der Unterstützung von Kooperationsprozessen (Meta-Wissen z. B.
über Kommunikationsformen)
- der Unterstützung von Standard-Transaktionen wie dem Workflow
(gespeichertes Erfahrungswissen)
Die Vernetzung des Wissens erlaubt die simultane Nutzung des Wissens an
zahlreichen Stellen des Unternehmens. Eine effiziente und schnellere
Reaktion ist die Folge (vgl. Bullinger u.a. 1997, S. 30). Zahlreiche
Barrieren erschweren aber die Nutzung des im Unternehmen vorhandenen
Wissens. Angst um den Arbeitsplatz verhindert die freimütige
Kommunikation von individuellem Wissen. Viele Menschen vermeiden es, sich
vom Wissen und den Fähigkeiten anderer abhängig zu machen. Sie behalten
bewährte Handlungsroutinen bei und bewegen sich lieber auf sicherem Boden
("not-invented-here"-Syndrom). Das Unternehmen muss jedoch
sicherstellen, dass das Wissen aktiv genutzt wird und nicht durch
defensive Routinen (vgl. Argyris 1993) ungenutzt brach liegt und
verfällt. Vernetztes oder Team-Denken sollte daher in der
Unternehmenskultur verankert werden.
Wenn Wissen nicht kollektiviert wird, entstehen die bekannten Probleme,
dass beispielsweise die Erkenntnisse aus dem Servicebereich und der
Marktforschung nicht an die Produktentwicklung rückgekoppelt werden, oder
dass nach dem Ausscheiden eines DV-Administrators das System nur mit
großem Aufwand gewartet werden kann, weil die Dokumentation lückenhaft
ist. Der Kreislauf des Wissens wird so unterbrochen, die Wiederholung
erfolgreicher Handlungen wird unmöglich gemacht. Es wird also nicht
gelernt (vgl. Bullinger u.a. 1997, S. 24).
2.4 Die Speicherung des Wissens
Die ausgewählten und immer wieder angewandten Wissensbestände und
Handlungssequenzen werden für das Individuum irgendwann zur Normalität,
zur anerkannten Vorgehensweise. Es kommt zu einer "Ablagerung"
des Wissens im Gedächtnis, zu einer Speicherung (vgl. Berger/Luckmann
1994), vielleicht sogar zu einer Habitualisierung, wenn die
Handlungssequenz zur Gewohnheit wird. Dann ist es implizit geworden, d.h.
das Wissen, auf der eine erfolgreiche Handlung basiert, ist kaum noch
explizierbar. Wurde Wissen individuell erfolgreich erworben und
angewendet, steht es also nicht automatisch allen Mitarbeitern des
Unternehmens immer wieder zur Verfügung. Es muss dazu nicht nur im
individuellen, sondern auch im kollektiven Gedächtnis des Unternehmens
gespeichert werden.
Wissen wird im Unternehmen auf zwei verschiedenen Ebenen gespeichert:
- technisch (elektronisch oder archivarisch)
- sozial/kulturell (kollektiv oder individuell).
Die Formen der technischen Speicherung reichen vom individuellen
Meisterbüchlein über Karteikarten und Registratur bis hin zu
kontextsensitiven Datenbanken. Wissen wird z. B. auch in
niedergeschriebenen Organisationsregelungen, in Satzungen,
Arbeitsanweisungen oder Sicherheitsvorschriften gespeichert. Darüber
hinaus hat das Unternehmen als soziales System ein nicht-technisches
Gedächtnis. Soziale Speichermedien sind Personen oder Gruppen bzw. die
Unternehmenskultur. Dass Mitarbeiter Routinen in ihrem Arbeitshandeln
entwickeln, stellt z.B. selbst eine Form der sozialen Wissensspeicherung
dar.
Die kollektive Bewahrung von (indidviduellen) Erfahrungen und
Informationen sollte gezielt betrieben werden. Jede Reorganisation stellt
einen Eingriff in das kollektive Gedächtnis einer Organisation dar. Im
Zuge solcher Reorganisationsmaßnahmen kommt es oft zur kollektiven
Amnesie, weil informelle Wissensnetzwerke zerstört werden, deren
Bedeutung für die Durchführung bestimmter Aufgaben unbekannt war (vgl.
Bullinger u.a. 1997, S. 31). Die Auswahl, Speicherung und Aktualisierung
des bewahrungswürdigen Wissens muss jedoch zielorientiert gestaltet
werden. Nicht jedes Sitzungsprotokoll oder jede Präsentation muss Dritten
zugänglich gemacht werden. Eine ungerichtete Dokumentation des Wissens
führt nur zu neuen Problemen bei der Informationssuche. Das Problem
besteht nur darin, dass die Ziele sich im Zeitablauf wandeln können.
Individuelles Wissen lässt sich nur bewahren, indem die Wissensträger
über Anreizsysteme o. ä. an das Unternehmen gebunden werden oder
indem ihre Fähigkeiten und Wissensbestände expliziert und kollektiv
gespeichert werden.
2.5 Der Schutz des Wissensbestands
Der Wissensbestand des Unternehmens ist zu schützen, indem
organisationales Vergessen vermieden wird (vgl. Schüppel 1996). Es
sollten eine langfristige Personalplanung und eine breite Dokumentation
individuellen Wissens betrieben werden, damit beim Ausscheiden einzelner
Arbeitnehmer möglichst wenig Know-how verloren geht. Die Mitarbeiter
sollten permanent weitergebildet werden, nicht zuletzt, damit sie ein
Bewusstsein für die Wichtigkeit ihres eigenen Wissens entwickeln.
Die Auflösung informeller Strukturen durch Reengineering, Outsourcing
usw. sollte nur behutsam, bewusst und gemeinsam mit den Betroffenen
vorangetrieben werden, um informelle Wissensnetzwerke nicht zu zerreißen.
Ein weiteres, wichtiges Problem ist der Schutz des Wissensbestands
gegenüber Dritten. Die Forderung, Wissen mit strategischen Partnern zu
teilen oder Wissen aktiv zu vermarkten, führt zu Ängsten, damit
gleichermaßen sein Wissen preiszugeben oder zu verlieren. Das konkrete
Wissen, wie bestimmte Produkte gefertigt werden, wird in der dynamischen
Wissensgesellschaft immer weniger bedeutsam werden. Wichtig wird hingegen
die Fähigkeit, Wissen kontinuierlich zu revidieren, es permanent zu
verbessern und es als Ressource strategisch zu nutzen. Wichtig wird die
Fähigkeit, die Kooperation professioneller Wissensträger zu koordinieren
(vgl. Willke 1998). "Während ökonomische Macht und wirtschaftlicher
Erfolg im klassischen Industriezeitalter primär auf der Verfügbarkeit
materieller Ressourcen basierten, werden diese Aspekte im
Informationszeitalter weit mehr von der Fähigkeit zur schnellen
Entwicklung und gezielten Anwendung von Wissen abhängen."
(Zahn 1997, S. 41; Hervorh. - die Autoren)
Diese Tatsache wird z.B. deutlich an der sinkenden Bedeutung von
Patenten im IT-Bereich. Hier zählt nur noch der Geschwindigkeitsvorteil
auf dem Markt; jedes Produkt ist im Prinzip leicht zu kopieren oder
nachzuempfinden.
Doch nicht jedes Wissen, das ein Unternehmen erwerben kann oder
erworben hat, kann durch Produktpiraterie oder Industriespionage verloren
gehen. Kaum kopierbar ist das Wissen darüber, wie die Wissensressourcen
des Unternehmens richtig und effizient genutzt werden können, wie das
Wissens im Unternehmen verteilt ist, wie das Kunden-Know-how genutzt
werden kann - kurzum: das Wissen um ein erfolgreiches Wissensmanagement
und die damit verbundene wissensbewusste, innovative Unternehmenskultur.
Dies Wissen, besser: diese Wissenskultur, lässt sich nicht kopieren. Nur
in ganz konkreten Unternehmen ist diese kulturell tradierte Form des
Wissens und seiner Nutzung sinnvoll und nur hier ist sie effizient. Dieses
Wissen ist damit hochgradig kultur- oder systemabhängig und nur schwer
transferierbar. Aber gerade dadurch kann es – anders als leicht
kopierbares Produktzwissen - eine Basis für nicht einholbare Vorsprünge
bilden. Doch ist es ebenfalls schwierig, es zur strategischen Ressource
auszubauen.
2.6 Wissen wandelt sich
Das verwertbare Wissen ist in zeitlicher Hinsicht sehr wenig haltbar.
Es veraltet rasch, weil sich die Kontexte, in denen es relevant ist,
ständig verändern (vgl. Willke 1998, S. 115). Die Veränderung erfolgt
außerdem durch die ständige Anwendung und Ergänzung des Wissens. Wissen
besitzt keinen stabilen Eigenwert, sondern ist nur wertvoll, wenn es
dynamisch bleibt. Einmal entstandenes Wissen wird immer wieder neu
bearbeitet. Daten werden interpretiert, mit neuen Erkenntnissen verbunden
und erneut gespeichert. Das ursprüngliche Wissen verändert sich so
ständig in der Aktion, es wird erweitert oder in einen neuen Kontext
eingebunden. Daher ist es aber auch unbestimmt. Mehr noch: Es ist immer
unvollständig, und es besteht Unsicherheit darüber, was eigentlich
gewußt werden sollte.
Veraltetes Wissen – so die Vorstellung von IT-Managern - wird aus den
aktuellen Wissensbeständen einfach herausgenommen und ggf. archiviert.
Bei den sozialen Speicherungsformen des Wissens ist dieser Vorgang nicht
ganz so einfach wie bei der technischen Wissensspeicherung. Die Tatsache
der Langzeitspeicherung des Wissens – vor allem des erfolgreichen
Wissens! - kann hier selbst zum Problem werden. Das Vergessen bzw.
Verlernen von eingefahrenen Routinen und Regelungen ist schwierig, selbst
wenn man vergessen möchte oder sollte. Der Mensch möchte Sicherheit bei
seinen Entscheidungen haben. Diese Sicherheit geben ihm am Ehesten seine
Erfahrungen, sein im Alltag bewährtes Wissen. Auf diese
Handlungssicherheit zu verzichten und sich neuen Praktiken zuzuwenden,
erfordert Problembewusstsein und eine hohe Motivation.
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3. Das Unternehmen als
wissensbasiertes System
Unternehmen lassen sich als verteilte Wissenssysteme beschreiben (vgl.
Zahn 1997, S. 41 f.; Tsoukas 1997, S. 13). Wissen wird, wie oben gezeigt,
in ihnen produziert und akquiriert, getestet, angewendet und schließlich
vermarktet. Verteilt sind sie deshalb, weil es sich um dezentralisierte
Lern-, Entscheidungs- und Handlungsstrukturen handelt. Nur durch diese
dezentrale Wissensorganisation können Organisationen oder Netzwerke von
Organisationen auf Wissensbestände zurückgreifen, die weit über die
Möglichkeiten einzelner Personen hinausgehen und beispielsweise so
hochkomplexe Güter wie Flugzeuge oder IT-Netze erstellen.
Die Vorstellung von Unternehmen als verteilten Wissenssystemen
beinhaltet, dass sowohl die Individuen als auch das Unternehmen selbst in
gesellschaftliche Wissenssysteme eingebettet sind, die einen Einfluß auf
das Wissen des Unternehmens haben (vgl. Tsoukas 1997, S. 17). Das Wissen
des Unternehmens ist durch seinen Kontext und zeitlich relativiert. Wissen
ist keine absolute, konstante Größe, sondern befindet sich in einem
kontinuierlichen Wandel.
Einerseits prägen damit gesellschaftliche Wissensmuster das Wissen der
Organisation und der Mitarbeiter. Wichtige und immer größere Teile des
Wissens der Mitarbeiter einer Organisation stammen heute aus der Umwelt.
Z.B. wird das Internet-Know-how schon von Schülern mitgebracht. Wichtige
Qualifikationen werden heute also eher in der Privatsaphäre erlernt als
in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz. Umgekehrt bestimmten diese
Wahrnehmungsmuster (und damit auch Erwartungen, Ängste, Wünsche) der
einzelnen Mitarbeiter, wie das Unternehmen seine Umwelt einschätzt, was
als Problem definiert wird und welche Strategien zur Problembewältigung
eingesetzt werden.
Wissenserwerb beginnt also immer beim Individuum und muss ins
kollektive Gedächtnis transformiert werden. Das kollektive Gedächtnis
des Unternehmens ist ein verteiltes Gedächtnis. Das gesamte Wissen der
Organisation ist nicht an einem einzigen Ort gespeichert. Die
organisationale Wissensbasis umfaßt sowohl individuelle als auch
kollektive Wissensbestandteile, welcher das Unternehmen zur Lösung seiner
Aufgaben bedarf (vgl. Pautzke 1989). Individuelle Fähigkeiten,
Fertigkeiten und Erfahrungen – egal wo und wie sie entstanden sind –
können sich hierbei als genau so bedeutsam erweisen wie allgemein
verfügbare Routinen und Normen.
Eine Kollektivierung individueller Wissensbestände erfolgt primär
durch eine gemeinsame Praxis. Bestimmte Handlungsmuster schleifen sich
ein, werden evtl. sogar institutionalisiert. Das erinnerte organisationale
Wissen äußert sich in institutionalisierten Handlungsmustern und Regeln
(vgl. Berger/Luckmann 1994). Wenn von einer kollektiven Wissensbasis die
Rede ist, bedeutet dies zwar nicht, dass diese von Personen unabhängig
sei. Sie ist aber unabhängig von spezifischen Personen, weil sie
über eine institutionalisierte Regelungsstruktur wirkt. Diese Struktur
sorgt für einen voraussehbaren, erwartbaren Rahmen, innerhalb dessen die
Handlung ablaufen wird und wirkt daher standardisierend.
Allerdings erfolgt die Institutionalisierung häufig eher zufällig und
nicht zielgerichtet. Hier setzt das Wissensmanagement ein.
Wissensmanagement geht nämlich weit über personenzentrierte Ansätze
hinaus (vgl. Willke 1998, S. 6). Die wesentliche Rolle des
Wissensmanagements besteht darin, verteiltes Wissen zu integrieren,
implizites in explizites zu überführen und damit nutzbar zu machen (vgl.
Zahn 1997, S. 42) Hierfür ist die Kenntnis der Transformationsmechanismen
von individuellem in kollektives Wissen Voraussetzung. Ziel des
Wissensmanagements ist die dauerhafte, strukturell verankerte
Lernfähigkeit und Innovationskompetenz des Unternehmens.
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4. Der erweiterte Wissenskreislauf im
Unternehmen
Die individuelle Aneignung und Verwendung von Wissen ist im
Unternehmenszusammenhang nicht ausreichend. Weil Wissen von Mitarbeitern
nicht ausreichend kommuniziert und genutzt wird, bleiben viele Unternehmen
weit hinter ihrer möglichen Produktivität zurück (Bullinger u.a. 1997,
S. 21). Individuelles und implizites Wissen muss identifiziert,
aufbereitet, expliziert und unternehmensweit zur Verfügung gestellt
werden. "Erweitert" im Sinne von innovativ ist dieser
Wissenskreislauf in zweierlei Hinsicht. Einerseits entsteht durch das
Zusammenspiel von individuellem und kollektivem Wissen neues Wissen (bzw.
Wissen wird verändert, es entstehen Synergien). Andererseits ermöglicht
erst dieser Wissenskreislauf die produktive, ökonomische Nutzung der
organisationalen Wissensbasis.
4.1 Die Bedeutung individuellen Wissens
Das Wissen von Individuen resultiert aus drei verschiedenen Quellen
(vgl. Tsoukas 1996, S. 11):
- Normative Erwartungen (Rollenanforderungen),
- Dispositionen (Denkschemata, Haltungen oder Veranlagungen, die in
verschiedenen Sozialisationsphasen erworben wurden) und
- unmittelbar an Zeit und Ort der Handlung gebundenes Kontextwissen.
Das Wissen, das von den Mitarbeitern in die Organisation eingebracht
wird, wird – wie bereits konstatiert - auch außerhalb der Organisation
erworben und bezieht den jeweiligen Handlungskontext mit ein. Das daraus
entstandene Wissen kann grundsätzlich explizit oder implizit sein (vgl.
auch Zahn 1997, S. 43 f.). Während das explizite Wissen formulierbar und
dokumentierbar ist, ist das implizite Wissen oft unbewusst vorhanden und
lässt sich nur schwer fassen. Menschen lernen über individuelle
Erfahrungen. Sie lernen über den Austausch bzw. Umgang mit ihrer
sachlichen und sozialen Umwelt. Die gemachten Erfahrungen werden als
Wissen über die Umwelt im Gedächtnis gespeichert, aber selten explizit
gemacht.
Während das explizite Wissen oft aus Regeln und Faktenwissen besteht,
die bewusst vermittelt wurden (durch Schule, Berufsbildung, Training),
beigebracht werden, entsteht das implizite Wissen aus der Praxis (z.B.
"Mitlaufen" der Auzbis bei Reparaturen). Implizites Wissen
führt dazu, dass intuitiv richtig gehandelt wird, ohne dass eine klare
Regel dafür angegeben werden kann. Daher wird auch von Erfahrungswissen
gesprochen. Dass implizites Wissen existiert, wird erst durch seine
Anwendung erfahrbar. Dieser Umstand erschwert die Erfassung impliziten
Wissens erheblich.
Implizites Wissen ist immer individuelles Wissen, weil es sich nur in
den individuellen Handlungsentwürfen äußert. Doch nur das Wissen, das
explizierbar ist, hat eine Chance in den Operationsregelungen des
Unternehmens kollektiviert zu werden. Gleichwohl besteht kein
Automatismus, dass explizites Wissen stets kollektiv zugänglich gemacht
wird. Individuen können ihr explizites Wissen zurückhalten, z.B. in Form
von Privataufzeichnungen am Arbeitsplatz, oder das Unternehmen kann oder
will nicht jeden Wissensbestandteil dokumentieren oder es weiß gar nicht
um deren Existenz.
Ein großes Problem für Unternehmen ist es, dieses dezentral bei
einzelnen Mitarbeitern vorhandene Wissen zu objektivieren und es jedem
zugänglich zu machen. Zunächst ist das individuelle Erfahrungswissen nur
auf die einzelne Person beschränkt. Das implizite Wissen der Mitarbeiter
trägt wesentlich zum reibungslosen Ablauf der Geschäftsprozesse bei.
Auch wenn es erstrebenswert ist, möglichst viel Wissen einem breiten
(internen) Publikum zugänglich zu machen, kann doch eine vollständige
Objektivierung nie erreicht werden (vgl. Malsch 1987). Es bleiben stets
implizite Reste (z.B. Regelungen für nicht dokumentierte Sonderfälle)
oder Prämissen (Glaubenssätze, Intutionen, Menschenkenntnis, kreative
Ideen usw. als Grundlage bestimmter Handlungen, die nicht explizierbar
sind). Ein innovatives Unternehmen kann auf das implizite, intuitive und
spontane, kreative Wissen seiner Mitarbeiter nicht verzichten. Jeder
Mitarbeiter ist mit seinem speziellen Wissensbestand potentiell wichtig,
weil er in bestimmten Kontexten unersetzbares relevantes Wissen besitzt.
Daraus leitet sich die erste Aufgabe des Unternehmens ab, die
mit Hilfe des Wissensmanagements angegangen werden soll: Wenn es um die
Herstellung komplexer wissensbasierter Güter geht, ist die Fähigkeit des
Unternehmens entscheidend, "verteiltes Wissen, vor allem
spezialisiertes implizites Wissen, zu koordinieren" (Willke 1998,
S. 22; Herv. – die Autoren).
Hierzu bedarf es einer wissensbewussten Unternehmenskultur, die eine
offene Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und die Gewährung von
Autonomiespielräumen unterstützt und selbst Veränderungen gegenüber
zugänglich bleibt. Tools wie teambasierte Gratifikations- und
Bewertungssysteme, Entscheidungsdezentralisierung oder offene
Informationspolitik können hier Hilfestellungen leisten.
4.2 Die Umwandlung in kollektives Wissen
Die Umwandlung individuellen, impliziten Wissens in kollektives Wissen
ist Voraussetzung für eine bessere Informationsversorgung und –bearbeitung
sowie für eine Wertschöpfung drch Wissen. Organisationales, d.h.
kollektives Wissen ist nur das Wissen, das unabhängig von den
Mitarbeitern in den Operationsformen des sozialen Systems Unternehmen
gespeichert ist (vgl. Willke 1998, S. 16). Hierzu zählen Regelsysteme,
Standardverfahren, Leitlinien, Arbeitsprozessbeschreibungen, Routinen,
Traditionen, Datenbanken usw.
Die symbolische Kultur des Unternehmens ist ebenfalls ein Element des
kollektiven Wissens; in welchem Maß sie explizierbar ist, ist freilich
strittig. Die Versuche, Unternehmenskulturen durch die Explikation von
"10 Regeln" usw. zu begründen, greifen viel zu kurz.
Die Schaffung kollektiver Wissensbestände ist also die zweite
Aufgabe des Unternehmens, bei der ein systematisches Wissensmanagement
hilft. Voraussetzung hierfür ist z. B. der Austausch von Erfahrungen und
Gedanken, die Individuen oder kleine Teams mit ihren Projekten gemacht
haben. Sie sollten als "lessons learned" dokumentiert und
aufbereitet werden, um anderen Mitarbeitern und Teams zur Verfügung zu
stehen, die ähnliche Aufgaben bewältigen müssen. Auf diese Weise wird
verhindert, Fehler zu wiederholen. Freilich macht jeder seine eigenen
Fehler, d.h. der Kontext, in dem das (fremde) Wissen, das nun übertragen
werden soll, entstanden ist, muss stets mit reflektiert und daher
dokumentiert werden; sonst kommt es zur unreflektierten Weitergabe von
Rezepten (vgl. Baecker 1998, Becker 2000).
Eine grundlegende Voraussetzung für die Kollektivierung von Wissen ist
eine funktionsfähige Kommunikationsstruktur und eine hohe
Kommunikationsintensität. Das Wissen Einzelner muss verteilt und geteilt
werden, damit es für das gesamte Unternehmen dauerhaft nutzbar wird. Das
verallgemeinerte und explizierte kollektive Wissen kann dann wieder als
Grundlage für neue Erfahrungen und Lernprozesse der Individuen dienen; es
wird angepasst, lokalen Bedingungen und Lernerfahrungen entsprechend
modifiziert und kann dann erneut expliziert und generalisiert werden.
Durch eine Verbindung von implizitem und expliziten Wissen, also einem
quasi vertikal verlaufenden Wissenszyklus von individuellem zu kollektiven
Wissen, wird – so sieht es das Modell vor - das Wissen des Unternehmens
insgesamt erweitert und verbessert. Die japanischen Wissenschaftler Nonaka
und Takeuchi (1995) beschreiben vier Mechanismen der Wissensveränderung
bzw. -weitergabe:
- Implizites Wissen einzelner Personen wird durch Sozialisationsprozesse
personengebunden weitergegeben (z.B. durch Imitation, Beobachtung).
Wissen einzelner wird so zum impliziten Wissensbestand kleiner Teams.
- Wird dieses implizite Wissen externalisiert, wird
es zu explizitem Wissen, das kollektiv in Regeln gespeichert werden
kann (z.B. durch Handbücher, Dokumentationen, Quality Circles). Das
Wissen des Teams wird zur Formulierung von Strategien genutzt, die im
Sinne des Unternehmenszwecks gerechtfertigt werden.
- Hieraus entstehen Handlungsmuster, die auch in andere Gruppen im
Unternehmen verbreitet werden können. Durch Kombination
können verschiedene explizite Wissensbestände neues Wissen schaffen
(z.B. durch Austausch der verschiedenen Quality Circles, gemischte
Experten- und Problemlösungsteams, Aushandlung von neuen Regeln
usw.). Ein Wissensnetzwerk entsteht.
- Das explizite Wissen wird durch Internalisierung wieder zu
implizitem Wissen (d.h. die Teilnehmer entwickeln in diesen Strukturen
ihr wissen individuell weiter) .
Verbindet man diesen Gedankengang mit der Vorstellung der individuellen
und kollektiven Ebene des Wissens, ergibt sich der organisatorische
Lernzirkel (vgl. Müller-Stewens/Pautzke 1991, S. 195; vgl. Güldenberg
1998, S. 201 ff., S. 246 f.).

In der Handlung des einzelnen Mitarbeiters wird sein individuelles
(implizites und explizites) Wissen angewandt. Er handelt aufgrund seiner
persönlichen Wahrnehmung der Situation und seiner kognitiven Muster. Bei
einer Kollektivierung seiner Handlungsgrundlagen wird zusätzliches Wissen
generiert. Das zuvor individuelle Wissen wird auch anderen Personen
zugänglich gemacht. Die Kollektivierung erfolgt z. B. über
Kommunikationen (Austausch) oder Beobachtung. Das Wissen ist nun redundant
in den Wissensvorrat mehrerer Individuen übergegangen, gemeinsame
Deutungen sind möglich.
In Aushandlungsprozessen kann dieser gemeinsame (i. d. R. explizite)
Wissensbestand neu kombiniert werden. Vorschläge zur Veränderung werden
anschließend durch Institutionalisierung in der Organisation gespeichert.
Die Wissensbasis wird sozusagen offiziell verändert, indem etwa
Regelbestände oder Arbeitsplatzbeschreibungen modifiziert werden. In der
Handlung der einzelnen Mitarbeiter, die sich an den neuen Regeln
orientieren, manifestiert sich das neue Wissen. In konkreten Handlungen
und Entscheidungen nehmen sie darauf Bezug und machen es zur alltäglichen
Handlungsvoraussetzung. Es kommt zu einem Feedback an die individuellen
Wissensbestände. Durch Habitualisierung wird das neue Wissen mit der Zeit
zu einer Selbstverständlichkeit, die wieder Grundlage neuer Handlungen
ist. Neu erlerntes explizites Wissen wird zu implizitem Wissen. Soweit die
idealtypische Beschreibung des Vorgangs.
Auch hier ist zu erwähnen, dass der Prozess in der Realität weitaus
komplexer ist. Neben der Unterscheidung von impliziten und expliziten,
individuellen und kollektiven Aspekten des Prozesses tritt oft ein
ausgeprägter Dualismus von globalen und lokalen Rationalitäten bzw.
Wissensbeständen hervor. Je weiter oben in der Hierarchie man sich
bewegt, desto genereller, aber auch unkonkreter wird das Wissen, desto
mehr Filterungen und Beschönigungen sind erfolgt. Wir haben es dort also
zwar mit explizitem, aber mit gefiltertem und oft verfälschten Wissen zu
tun. Und an der Organisationsbasis gibt es sehr konkrete, teils explizite
Regeln, sog. "lokale Rationalitäten", die den Akteuren vor Ort
bekannt sind, aber in ungefilterter Form nicht "nach oben"
dringen dürfen. Sonst würde die Organisation gar nicht mehr
funktionieren ("Wenn der Vorstände wüsste, was im AKW vor Ort
passiert, würde er nicht so ruhig schlafen."). Schließlich gibt es
die Prärogative von Professionals, die sich nicht gern in die Karten
schauen lassen (z.B. Widerstand von Chefärzten gegen die Beteiligung von
"Semiprofessionals" am Wissensmanagement im Krankenhaus unter
Hinweis auf ihr "ärztliche Verantwortung").
Jede Organisation einschließlich ihrer Wissensbestände ist für die
Akteure auf der obersten Ebene also zunächst eine "black box",
die sich dem Zugriff sperrt. Der opportunistische Umgang der "principal
agents" mit Wissen führt aber oft dazu, dass sie ignorieren, welches
Wissen vor Ort wirklich vorhanden ist oder benötigt wird. Ignoranz ist
ein Instrument der Reduktion von Komplexität, dessen sich Mächtige wie
Ohnmächtige bedienen. Diese Probleme verweisen auf die stete Tatsache
eines "mikropolitischen" Umgangs mit Wissen (vgl. Lazega 1992),
auf den durch Machtinteressen oder reziproke Ängste verzerrten Umgang mit
Information, der das Funktionieren des platonischen Regelkreises in Frage
stellt.
4.3 Wie mit Wissen im Unternehmen umgegangen wird
Die globalisierten Wettbewerbsbedingungen, die gesteigerte Komplexität
von Produkten, Dienstleistungen und Kundenerwartungen erfordern den
gezielten Einsatz von Wissen, strategische Planungen und langfristige
Wissensstrategien. Durch die Komplexität der Umwelt sind die
Anforderungen an die Unternehmung enorm gestiegen. Die Wissensbasis muss
laufend gepflegt und aktualisiert werden. Wissen erhält hiermit einen
Stellenwert als wichtige Ressource des modernen, schlanken Unternehmens.
Die Entwicklung, Erhaltung und Weitergabe der Wissensbestände ist auf
traditionellem Wege im Rahmen einer autarken Organisation kaum noch
möglich.
Wissensmanagement verhindert unter diesen Bedingungen, dass Planungen
unvollständig bleiben, dass wichtige Bereiche "vergessen" oder
"übersehen" werden. Es stellt ein systematisches Raster für
die Unternehmensentwicklung, einen Leitfaden für die kundengerechte
Entwicklung und die Bereitstellung von Dienstleistungen unter den
Bedingungen einer globalen Wirtschaft dar.
Allerdings können die Beschleunigungsphänomene des sich
globalisierenden "Turbokapitalismus" zu einer systematischen
Geringschätzung des vorhandenen Wissens im Unterschied zu künftigem
Wissen oder zur bloßen Option auf Wissen führen. Die
Shareholder-Mentalität konterkariert häufig Ansätze zu einem
sorgfältigeren und vertrauensvolleren Umgang mit der Ressource Wissen.
Auch kann die Bereitschaft zur Explikation des eigenen Wissens angesichts
der raschen Verschleißprozesse des Faktors Wissen Risiken für die
bisherigen Wissensträger nach sich ziehen, deren Austauschbarkeit steigt.
An die Kollektivierung des Wissens schließt sich die dritte Aufgabe
an, bei der Wissensmanagement behilflich ist. Es muss dafür gesorgt
werden, dass die kollektive Wissensbasis auch zur Kenntnis
genommen und genutzt wird (vgl. Willke 1998, S. 83). Das gewonnene
Wissen muss verteilt und genutzt werden. Dies wird als Anwendungs- und
Durchsetzungskompetenz bezeichnet.
Wissensmanagement soll also drei Ziele erreichen (vgl. Gerybadze 1997,
S. 69 f.):
- Wissenskompetenz
- Anwendungskompetenz
- Durchsetzungskompetenz
Mit Wissenskompetenz wird die Pflege und Beherrschung des im
Unternehmen vorhandenen Wissens bezeichnet. Informationstechnik kann
hierbei unterstützend wirken, indem Wissensdatenbanken zur Verfügung
gestellt werden. Informationen und Wissensbestände müssen quasi
kartographiert werden und strukturiert abgelegt werden, damit sie gezielt
abrufbar sind. Die Erstellung von Wissenslandkarten und die
Identifizierung von Wissensträgern im Unternehmen sind hierfür wichtige
Werkzeuge.
Anwendungskompetenz wird gezeigt, wenn Anwendungen für neues Wissen
erschlossen werden. Wettbewerbsvorteile werden durch ein souveränes
Beherrschen des eigenen Wissens und dessen innovative Nutzung geschaffen.
Mitarbeiter müssen zum Wissensaustausch und Wissenswettbewerb - zur
Anwendung und Vernetzung ihres Wissens - motiviert werden. Die kollektive
Aufbereitung des Wissensbestands, die Verknüpfung einzelner
Wissenselemente und die Güte der Wissensabfrage entscheiden über
Möglichkeiten der Anwendung des im Unternehmen vorhandenen Wissens. Um
die Anwendungskompetenz zu optimieren, bedarf es der Implementation von
Wissensinfrastrukturen, die dem jeweiligen Kontext bzw. der Arbeitsaufgabe
angemessen sind. Die Dezentralisierung erfolgt dann kontrolliert und auf
der Grundlage eines unternehmerischen Strategiemodells.
Zentral für die aktive Nutzung und Vermarktung der beiden anderen
Kompetenzen ist die Durchsetzungskompetenz. Neue Lösungen bzw.
Anwendungen von Wissen müssen aktiv durchgesetzt werden können.
Ressourcen müssen innerhalb des Unternehmens mobilisiert werden. Insofern
darf keine vollständige Dezentralisierung angestrebt werden, auch wenn
ein Wissenswettbewerb manchmal beflügelnd wirken kann. Wichtige
strategische Entscheidungen verbleiben trotz dezentraler Wissensstrukturen
beim Top-Management.
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Inhalt
5 Wissensmanagement als Voraussetzung
für Wissensmarketing
Die kollektiven Wissensbestände und ihr Management sind Produkte des
Unternehmens, die sich als Wissenskompetenzen durchaus auch vermarkten
lassen und durch ihre Komplexität eine Piraterie unwahrscheinlich machen.
Dem Wissensmanagement kommt in diesem Zusammenhang die Rolle zu, einen
nicht so einfach kopierbaren Kern der Leistung eines Unternehmens zu
profilieren, quasi seine kognitive Identität herauszuarbeiten. Es soll
daher nicht nur die Frage klären, was in Zukunft gewußt werden soll (in
Form der Festlegung strategischer und operativer Wissensziele). Es geht
vielmehr auch um das Management von (Kern-)Kompetenzen, die im Unternehmen
vorhanden sind oder sein sollten. Letzlich geht es im Unternehmen - anders
als z.B. in der Forschung – ja nicht um die Gewinnung, die Übertragung
oder Nutzung von Wissen. Dies ist nur das Mittel zum Zweck. Das Ziel der
Anstrengungen ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, unter welchen
Bedingungen das Wissen im Unternehmen zu einer Kompetenz im
Geschäftsleben wird (Gerybadze 1997, S. 69) und wie sich diese Kompetenz
vermarkten lässt.
Hierzu sind vorab eine Identifikation vorhandenen Wissens und eine
Bewertung des (erweiterten) Wissensbestandes notwendig. Dabei soll ein
Feedback an die Wissensziele des Unternehmens stattfinden. Die
strategischen Wissensziele formulieren die langfristig notwendigen
Kompetenzen der Unternehmung. Die operativen Wissensziele konkretisieren
und systematisieren diese. Dabei werden Methoden zusammengestellt, wie der
Wissensbedarf der Unternehmung befriedigt werden kann, z.B. in Form von
Weiterbildungsplänen oder stellenspezifischen Anforderungskatalogen (vgl.
Bullinger/Prieto 1998, S. 97).
Die Identifikation und Dokumentation des bereits vorhandenen Wissens
unterstützt die Detektion der blinden Flecken und die Selektion dessen,
was neu gelernt werden soll. Sie schafft für die Mitarbeiter überdies
die notwendige Transparenz, die für einen schnellen Zugriff auf
Informationen erforderlich ist. Die Bewertung des Wissens kann den
wirtschaftlichen Nutzen von Wissensbeständen und zukünftige Bedarfe
aufzeigen (z. B. durch Abgleichen von Ausbildungsinvestitionen und ihrem
Einfluss auf das Unternehmensergebnis). Allerdings sind vorschnelle
Versuche, Wissensträger und ihr Wissen ökonomisch zu bewerten und dieses
zu monetarisieren, oft hoch spekulativ (siehe die Ereignisse am Neuen
Markt) wenn nicht kontraproduktiv.
Die Disziplin des Wissenscontrolling steckt noch in den Kinderschuhen
(vgl. Bullinger/Prieto 1998, S. 116). Ein führungsorientiertes
Controlling hat sich hier als sinnvoller und effizienter als andere dem
Rechnungswesen nahestehende Formen des Controlling erweisen (vgl.
Güldenberg 1998, S. 308 ff., S. 322). Die Kontroll- und
Kostenrechnungsfunktion tritt zugunsten von Information, Koordination und
Integration in den Hintergrund. Die Führungsleistungen gerade in Hinblick
auf die Planung und Revision der Wissenziele werden durch das
Wissenscontrolling ergänzt und unterstützt, indem z.B. Standards der
Speicherung organisationalen Wissens entwickelt werden.
Wissenscontrolling soll nicht dazu dienen, dem Management oder
einzelnen Experten noch mehr Wissen zugänglich zu machen und gläserne
Mitarbeiter herzustellen. Es geht um die Schaffung von Bedingungen, unter
denen Wissen optimal ausgetauscht und vernetzt werden kann. Das im
Unternehmen vorhandene Wissenspotential (sowohl das explizierte als auch
das verborgene Wissen) kann nur unter den Bedingungen einer
wissensbewussten und vertrauensvollen Unternehmenskultur voll
ausgeschöpft werden.
Wenn Wissensbestände vernetzt werden, sinken die Reaktionszeiten, wird
zielgerichtet informiert und insgesamt effizienter und kreativer
gearbeitet. Wissensmanagement ist daher eine Voraussetzung für die
Verwertung, Vermarktung und auch den Schutz von Wissen. Nur wer um die
Kompetenzen seines Unternehmens weiß, kann diese auch zu einem Faktor im
Wettbewerb machen. Nur wer die Mechanismen der Wissensproduktion kennt und
konkretes Produktionswissen vom Wissen über die Organisation einer
wissensintensiven Produktion zu trennen weiß, kann die Wissensbestände
aktiv pflegen und schützen.
Wissen und der professionelle Umgang mit dieser Ressource sind
Wettbewerbsfaktoren. Aber das Marketing von Wissen wird erschwert, weil
die Problemlösungsfähigkeiten von Mitarbeitern, die Lern- und
Innovationsfähigkeit, die Fähigkeiten Märkte zu analysieren und die
Erkenntnisse in neue Produkte umzusetzen, mit der Entwicklung kaum
mithalten. Das Marketing von wissensintensiven Produkten ist extrem
schwierig, eben weil nur wenige Experten ihren Nutzen erkennen oder
abschätzen können. Daher treten oft die traditionellen bzw. die
"eigentlichen" physischen Produkte oder Dienstleistungen der
Unternehmung in den Vordergrund.
Vor allem die traditionellen Industrieunternehmen stehen vor der
schwierigen Aufgabe, sich und ihre Leistungen anders zu definieren. Die
Erstellung der physischen Produkte wie Druckmaschine oder Auto sind nicht
mehr allein die Leistungen, welche die Leistungsfähigkeit eines
Unternehmens ausmachen (vgl. Pawlowsky 1998, S. 12). Vor allem die
Fähigkeit, diese Produkte mit Problemlösungsangeboten und
Dienstleistungen (z. B. Service, After-Sales-Bereich) zu verbinden und
damit für bestimmte Kundengruppen maßgeschneiderte
Produkt-Dienstleistungs-Kombinationen anzubieten, macht ein Unternehmen
heute für viele Kunden erst interessant. Die Fähigkeit komplette
wissensbasierte Problemlösungssysteme an den Markt zu bringen, sind die
eigentlichen Wettbewerbsvorteile, die auch kommuniziert werden müssen.
Die erfolgreiche Verbindung der physischen Produkte mit den
wissensintensiven Dienstleistungen setzt freilich voraus, dass sich das
Unternehmen als Wissensproduzent versteht und über eine genaue Kenntnis
seines Könnens und Wissens verfügt. Während viele physische Produkte
immer leichter substituierbar werden, bleibt diese Verknüpfung mit dem
wie auch die Fähigkeit zur permanenten Erneuerung und Dokumentation des
Wissensstandes eine ganz spezifische Leistung des konkreten Sozialsystems
Unternehmung. An diesem Stand werden Unternehmen in Zukunft verstärkt
gemessen werden, wenngleich grade hier die vorhandenen
Benchmarking-Methoden völlig unzureichend sind (vgl. Becker 2000).
Durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen werden
immer mehr Arbeitnehmer zu Wissensarbeitern (Willke 1998, S. 19 ff.).
Gelingt dem Unternehmen neben dem Management anderer zunehmend kritischer
Ressourcen wie den Arbeitsbeziehungen auch das Management dieser vierten
Produktivkraft, ist es für den globalen Wettbewerb besser gerüstet.
Hinzuweisen ist aber auch auf die beschleunigte Prekarisierung und
Entwertung von Wissen als Folge der Globalisierung, ja des Einsatzes von
inadäquaten Wissensmanagement-Techniken selbst. Die Ressource Wissen
reagiert auf jeden Zugriff ambivalent: Einerseits in ihrer
Unentbehrlichkeit bestätigt, macht sie sich andrerseits um so rarer.
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Inhalt
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letzte Bearbeitung: 20.05.06
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